Let´s rock the Goonch!

Goonch

April 2016 . Indien . Himalaya

Martin Sack

Nach zwei Wochen am Fluss war die erste Dusche im Apartment des Safaricamps ungewohnt. Komischerweise hatte man die alltäglichen Annehmlichkeiten der „zivilisierten“ Welt gar nicht wirklich vermisst. Ganz im Gegenteil, mir fehlten das Plätschern der Stromschnellen, die Geräusche der Natur und der eingespielte Rhythmus aus Tag und Nacht. Das Wasser perlte über meine Haut und spülte den Sand aus allen Poren. Ich blickte in das Duschbecken und beobachtete, wie sich die trübe Brühe langsam aufklarte. Was für eine geniale Tour lag da gerade hinter uns! Ich schloss meine Augen und versank in Erinnerungen…

Die Nacht hatte die Schlucht in tiefe Finsternis gehüllt. In kurzen Abständen wurden die Felswände von grellen, weißen Licht erhellt. Um uns herum züngelten Blitze in faszinierenden Formationen durch die Dunkelheit und ließen ihren Donner über den kleinen Fluss scheppern. Das aufziehende Unwetter hatte uns umringt, und meine Füße bewegten sich immer schneller über das holprige Geröllfeld im ausgetrockneten Flussbett. Ein Fisch hatte soeben die Reißleine unserer Steinmontage gesprengt, und die Ratsche der Multirolle lief. Hektisch zog ich den Bissanzeiger vom Blank, die Rute aus dem Steinhaufen-Ständer und setzte einen Anhieb. „Ich hab einen! Kommt her!“ Das Gewitter war nun direkt über uns, und ich pumpte meinen Gegner so schnell wie möglich heran. Im Wasser zeigte sich ein kleinerer Goonch, der für seine Größe dennoch ordentlich Power hatte. Doch langsam wurde es hier ungemütlich, also beeilten wir uns und leinten ihn im flachen Uferwasser an. Als wir auf dem Rückweg zu den Zelten waren, prasselten die ersten Tropfen auf uns nieder und entwickelten sich rasch zu einem heftigen Regenguss. Puh, dieser Wels würde mir ganz gewiss in Erinnerung bleiben!

Nachdem wir uns bereits zwei Jahre zuvor mit eher bescheidenem Erfolg auf die Suche der Teufelswelse begeben hatten, erhofften wir uns für diese Tour erweiterte Ortskenntnis, optimale Wasserbedingungen und die konsequente Umsetzung moderner Waller-Angeltechniken als Trumpf. Mit Denny hatte ich einen ausgezeichneten Angelpartner an meiner Seite, und ganz besonders hatte mich auch gefreut, wie sich Tim als mitreisender Nichtangler für unseren Angelwahnsinn begeistern ließ. Die Expedition wurde von unserm indischen Team aus Fahrer, Ortsguide, Koch und zwei Helfern begleitet, ohne dessen Hilfe wir die ganze Logistik niemals hätten bewerkstelligen können.

Die Tage waren sehr heiß, doch das Gebirgswasser lud immer zu einer kurzen Erfrischung ein. Morgens und nachmittags war es hingegen sehr angenehm, und wir verlagerten die meisten Arbeiten auf die kühleren Tageszeiten. Kleine Mahseer mit der Spinnrute als Köderfische fangen, Gebiet erkunden, Goonch-Köder ausbringen und wenn erforderlich das Angelrevier wechseln. Manchmal hatten wir harte Wandertage zu bewerkstelligen, an anderen Tagen konnten wir mit einem Buch und Chai-Tee gemütlich am Strand chillen und auf einen Goonch warten. Die drachenartigen Welse mit ihren großen Zähnen begaben sich erst nach Einbruch der Dunkelheit auf die Jagd. Wir hatten jede Nacht Bisse dieser seltenen Fische, und die Angelei war spannender als vermutet. Doch bei allen gruseligen Mythen, die sich um diese Tiere rankten, wurde uns schnell bewusst: Das einzige Flussmonster, welches hier sein Unwesen trieb, war der Mensch. Leider konnten wir immer wieder die Detonationen von Dynamit von einheimischen Wilderen hören. Eine Ladung ging sogar zwanzig Meter vor uns im Wasser hoch – gerade als wir die Ruten auslegen wollten! Seltsamerweise fingen wir im gleichen Pool später noch Goonche, aber die Zukunft dieser bemerkenswerten Welsart war mehr als ungewiss, würden sich die Dinge weiter wie bisher entwickeln.

Der letzte Angeltag brach an. Denny und Tim machten sich im ersten Morgengrauen auf, um erneut den großen Mahseern um 20kg am Pool im Tempelgebiet nachzustellen. Hier waren sie auf „heiliger Flussstrecke“ vor dem Dynamit sicher, aber unglaublich schlau. Egal, was wir auch probiert hatten: Trotz dünnem Fluorocarbonvorfach, allen Kunstködervarianten, Köderfischen und Teig, die Fische fraßen alles, aber nicht wenn eine Schnur mit Haken in der Nähe war. In der Zwischenzeit bewachte ich unser Zeltlager, als der Bissanzeiger einer schweren Welsrute einen Ton von sich gab. Gemächlich begab ich mich aus dem Zelt und prüfte die Rute, welche noch gespannt und ruhig in den Steinen stand. Wer weiß, vielleicht war da ein kleiner Fisch, der die Reißleine nicht durch bekam. Als ich die Rute in die Hand nahm, spürte ich einen Widerstand – da hing einer dran! Nach dem Anhieb wurde mir klar, dass der schwere Goonch nach dem Biss einfach auf dem Boden liegen geblieben war. Nun setzte er sich behäbig in Bewegung und zog kontinuierlich Schnur von der Multirolle. Wie schön, der war ja gar nicht so einfach zu bremsen und strapazierte das Tackle bis aufs äußerste! Zu Beginn des Drills versuchte ich, soviel Druck wie möglich auf meinen Gegner auszuüben, um ihn aus dem felsigen Gefahrenbereich zu bekommen. Der Goonch machte immer wieder kurze, schnelle Fluchten, um sich zwischendurch auf dem Boden abzulegen. Doch im kleinen Fluss hatte er wenig Handlungsspielraum, und so tauchte nach ungefähr zehn Minuten im flachen und klaren Wasser ein gewaltiger Schädel auf. Fix reichte ich die Rute zu unseren indischen Guide, welcher bereits zur Hilfe herbei geeilt war, sprang in den Fluss und griff den Wels an der Schwanzwurzel. Mit vereinten Kräften sicherten wir den Goonch mit einem Anleinseil im Maul. Noch immer hatte er genügend Kraft und schleuderte uns mehrmals umher. Doch dann beruhigte sich das Tier und lang ruhig im klaren Wasser vor uns. Unglaublich, das war der schönste Wels meines Lebens. Das Maßband zeigte 1,71m, unser Guide schätzte ihn auf 80kg!

Nach dem grandiosen Finale wollten wir unsere Chance nutzen, einen Tiger in freier Wildbahn zu sehen. Unser Guide wollte mit uns im Geländewagen einen schmalen Waldpfad hinab, denn am Fluss hatte man angeblich gute Chancen die Raubkatzen am heißen Tag zu sichten. Doch es kam anders: Ein großer Elefant auf Brautschau kam uns entgegen und zwang uns zu einer adrenalinreichen Kehrtwende. Nun ja, so was ist eben – Natur!

Auf der Rückfahrt aus den Bergen zum Flughafen von Delhi wurden uns die Kontraste Indiens erneut vor Augen geführt. Bunte Kleider und Fahrzeuge wechselten sich mit Müllbergen und verseuchtem Wasser, zerfallenen Behausungen mit Luxushotels ab. Moderne Autos fuhren gleichermaßen auf den Straßen wie Wagen mit Pferden und Rindern, die beschaulichen Dörfer des Himalayas wurden von wirren Kleinstädten und schließlich dem undurchdringlichen Delhi abgelöst, die reine Bergluft durch beißendem Smog ersetzt.

Am Ende blickten wir auf ein großartiges Abenteuer zurück und konnten ganze sechs Goonche rocken! Und hofften dabei, dass diese unglaubliche Flusslandschaft nicht eines Tages wie so vieles Wunderbares auf diesem Planeten für immer zugrunde gehen würde. Denn keine Welsart hatte mich bisher mehr fasziniert als dieser teuflische Goonch!

Statistik

Angler: 2

Angeltage: 10

Goonche: 6

Statistik (Länge in m):

1.71 – 1.46 – 1.36 – 1.25 – 1.22 – 1.20

 

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