Tortuga

Roman

Genre: Piraten . Abenteuer . Krieg . Historie

Martin Sack

Nach fünfzehn Jahren Arbeit ist es nun endlich soweit – ich möchte an dieser Stelle meinen ersten Roman veröffentlichen, selber verlegen und verkaufen. Authentisch und unzensiert!

Für alle Freunde von Abenteuerromanen kommt nun eine Geschichte über die berühmten Pirateninsel Tortuga, welche die Ereignisse aus jener Zeit in einen globalen Zusammenhang aus Entdeckung, Handel, Krieg und Sklaverei bringt. Der Roman von großen Träumen, der Freiheit und dem Überleben in einer gnadenlosen Realität ist auch eine zeitlose Parabel zu all den Fragen des menschlichen Strebens und Handelns.

Erhältliche Formate und Preise

Buch . Taschenbuchformat . 470 Seiten:                               16,90€

Digital . Für digitale Lesegeräte . Pdf . A6 :                             7,99€

 

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Leseprobe : Einleitung und Kapitel 1-3

1492

Nach der Entdeckung 1492 nannte die Spanische Krone die neue Welt ihr Eigentum. Auf Hispaniola gründete Kolumbus Santo Domingo, die erste spanische Stadt in der neuen Welt. Noch vor seinem Tod waren die Eingeboren der Insel fast vollständig ausgerottet. Weitere Eroberer drangen tiefer in den südamerikanischen Kontinent vor, doch die erhofften Reichtümer blieben aus. Erst als in Mittelamerika das Reich der Azteken und an Südamerikas Westküste die Inkas vernichtet wurden, erlebte Spanien unter Karl V die Blüte seiner Macht. Ungeheure Mengen von Schätzen und Gütern wurden von den Kolonien der neuen Welt in die Alte verschifft. Um Anteil am Reichtum des Rivalen zu bekommen, stellten England und Frankreich Freibriefe für Freibeuter aus, welche in den spanischen Schatzgaleonen reiche Beute fanden.

Die neu aufkommenden Weltansichten und die Spaltung des christlichen Glaubens endeten im Krieg. Das unterdrückte protestantische Holland führte einen Freiheitskampf gegen die katholischen Spanier. England, ebenfalls von protestantischen Ideen beeinflusst, bot seine Unterstützung an und provozierte eine offene Schlacht. Als Elisabeth I 1588 mit der Hilfe des zuvor geadelten Kaperkapitäns Sir Francis Drake die spanische Armada vor der englischen Küste vernichtete und Holland die Unabhängigkeit erkämpfte, konnte Philipp II die spanische Vorherrschaft nicht mehr lange erhalten. Immer mehr Siedler europäischer Reiche machten sich auf den Weg, um Kolonien in der neuen Welt zu gründen und Handel zu betreiben.

Im Jahr 1618 begann in Europa die Ära eines dreißig jährigen Krieges. Was als Konfessionsauseinandersetzung zwischen der katholischen Liga und der evangelischen Union begann, brachte bald in drei Kriegen Heere aus vielen Reichen Europas auf die Schlachtfelder des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen zusammen. Zwischen den regulären Gefechten fand ein zweiter Krieg zwischen den Söldnern und den Bauern ums nackte Überleben statt. Verwüstung, Pest, Hunger und Kälte forderten ihre Opfer. Weite Landstriche wurden regelrecht entvölkert. Für die Bauern war es bald unerheblich, welches Heer durch ihre Dörfer zog. Für Viele war die Flucht in die Freiheit auf den Meeren der einzige Ausweg um der täglichen Gewalt und Armut zu entkommen.

1636

 

Kapitel 1

Afrika

30.04.1636

Afrikanische Westküste

„Verdammt, in welch einer gottverlassenen Gegend sind wir hier?“

Juans Füße schoben sich weiter durch den staubigen Boden, dann setzte er sich zu Carlos und Pedro auf das verdörrte Holz eines umgestürzten Baumes. Schweigend blickten die drei Spanier in das trockene Gras der Steppe. Die brennende Sonne des Mittags ließ Schweißperlen über ihre Haut rinnen. Um den Platz herum fielen dunkle Schatten des halbhohen, dornigen Gestrüpps. Die schwülen Luftmassen bewegten sich etwas. Durch Juans Nase drang der unangenehme Geruch.

Carlos starrte zwischen seine Füße auf den Boden und antwortete leise: „Afrika. Wir sind in Afrika.“ Juans Augen fuhren erneut durch das Gras. In der Sonne glänzte die dunkle Haut. Das Blut trocknete weiter. Es klebte auf den Körpern und auf den braunen Halmen. Bevor sie erschossen wurden, hatte man ihnen ihre Kleider abgenommen.

Juan wurde unruhig und richtete sich wieder auf: „Warum haben sie das getan?“ Pedro hob seine Hände: „Weil sie keine Gefangenen machen. Entweder sie werden verkauft oder beseitigt.“ „Wir hätten ihnen keine Musketen geben dürfen.“ Pedro starrte zu Juan: „Was?“ „Keine Musketen. Wir tauschen Sklaven gegen Waffen, damit sie damit einen anderen Stamm überfallen und weitere Sklaven heranschaffen können.“ Pedro nickte ihm zu: „Ja, so ist das. Oder möchtest du in das Hinterland dieses verfluchten Landstriches vordringen und die Neger selber einfangen?“ Carlos fuhr zwischen das Gespräch: „Seid verdammt noch mal still.“

Juan tastete sich vorsichtig über das Feld. Die meisten der Leiber waren Frauen. Die männlichen Toten waren jünger. Vor ihm lag ein gekrümmter Körper auf dem Boden. Auf der Haut des Mädchens waren dunkle Flecke zu erkennen. An ihrer Nase klebte Blut, am Hals zeichneten sich Würgemale ab. In ihrer Stirn war ein Loch. An den Liedern der starren Augen klebten Blutspritzer. Juan riss mit seinen Händen Halme aus dem Boden und bedeckte damit den nackten Körper.

Pedro erschien hinter ihm und fasste ihn an seine Schulter: „Wir müssen zum Schiff.“ Juan blickte ihn sprachlos an. „Wir müssen zurück.“ Juan schüttelte mit seinem Kopf und sprach zu sich selber: „Das ist nicht richtig. Sie töten ihre Frauen und Kinder mit unseren Waffen!“ Pedros Hände zogen fester am Stoff. „Das ist nicht unsere Sache. Komm jetzt mit.“ „Wir lassen sie hier so liegen?“

Pedro antwortete nicht. Carlos stand auf dem Pfad und deutete zum Strand. Juan verspürte das drückende Gefühl in seiner Magengegend. Er folgte den beiden Anderen durch die Büsche. Nach einigen Metern hatten sie das Dickicht überwunden. Hinter einer Sanddüne kamen die weißen Segel der „Manola“ zum Vorschein, welche in der Lagune vor Anker lag.

Carlos hielt für einen kurzen Moment die Luft an, als er die Treppen unter Deck hinab stieg. Pedro ging ihm hinterher und blickte in die Gesichter der Männer, welche ihnen verängstigt entgegen starrten. Pedro überprüfte die Ketten an den Handgelenken. Carlos winkte einen seiner Männer herbei. Als er seine Hand empor hob, bewegten sich die Afrikaner ein Stück zur Seite. Das Rasseln des Metalls drang durch das dunkle Deck. Der Matrose blieb vor Carlos stehen.

„Sir?“ „Bringen Sie ihnen Wasser.“ Carlos drehte sich zu Pedro: „Mach das Schiff klar zum Auslaufen. Wir brechen auf.“ Pedro nickte ihm zu und verschwand durch die Luke. Carlos ging weiter über das Deck und musterte die Sklaven.

Kapitel 2

Der Strand

13.08.1636

Spanische Atlantikküste

Wie ein Feuerball erschien der Mond am Horizont. Die Staubpartikel der Atmosphäre färbten sein Licht blutrot, während die leichte Spiegelung verriet, dass sich der aufgehende Himmelskörper erst kurz über dem Meeresspiegel befand.

Seine Augen wurden schwerer. Trevor Bradley lehnte gegen einen Felsen. Vor seien Füßen wurden die Steine von den dunklen Wassermassen umspült. Schon seit einigen Stunden stand er dort, lange bevor die Sonne untergegangen war. Immer öfter blieb sein Blick am Mond hängen. Er wusste, dass es diese Nacht Vollmond geben würde, war aber dennoch gezwungen, sein Vorhaben jetzt durchzuführen. In Gedanken ging er den Plan noch einmal durch und konnte keinen Fehler entdecken.

Diese Landzunge war unumstritten die Beste, da sie um einiges weiter ins Meer ragte als die Übrigen. Weiterhin verdeckte sie die dahinter liegende Bucht, welche ein fast ideales Versteck darstellte. Nur der Mond machte ihm Sorgen. Wenn er erst in voller Pracht strahlen würde, dann würden sich die Felsen deutlich vom schwarzen Wasser abheben. Er wollte das alles so schnell wie möglich hinter sich bringen, das lange Warten ließ seine innere Spannung weiter steigen.

Wenige Meter hinter ihm sprang jemand von einem Felsen. Das dumpfe Geräusch ließ vermuten, dass die Person auf den glatten, tiefer liegenden Steinen ausgerutscht war. Ein Zucken durchfuhr Trevors Körper, welcher aus Reflex seine Pistole zog und in die Richtung zielte, aus der das Geräusch kam. Langsam kamen die Schritte näher. Es zeichnete sich das breit grinsende Gesicht von Jack gegen die Dunkelheit ab.

Trevor steckte seine Pistole zurück in den Gürtel an seiner hellbraunen Stoffhose. „Wenn du das noch einmal machst, darfst du dich nicht wundern, wenn du eine Kugel in der Brust hast.“ Trevor wandte seinen Blick zurück auf das Meer.

Das kurzzeitige Entsetzen in Jacks Gesicht wechselte schnell wieder in das anfängliche Grinsen, um dann in einem höhnischen Gelächter zu enden. Trevor starrte weiter auf das nächtliche Wasser und spürte dabei die Wut, welche sich in ihm aufbaute. Nicht jetzt dachte er sich, jetzt bloß keinen Ärger, der würde alles nur erschweren.

„Jack, halt´s Maul“ fuhr es bestimmend aus seinem Mund. Sprachlos stand Jack einige Minuten hinter ihm, um dann das Gespräch mit einem jetzt eher unterwürfig erscheinenden Tonfall wieder aufzunehmen. „Die Anderen haben mich geschickt. Sie wollen wissen, wann es endlich soweit ist. Sind schon ganz ungeduldig.“„Sag ihnen, dass sie sich bereit machen sollen.“ Für einen kurzen Moment blieb Jack stehen, um dann wieder die Felsen hoch zu klettern, diesmal jedoch mit mehr Vorsicht. Trevor schenkte ihm keine weitere Beachtung.

Als Jack den Eingang der Bucht erreichte, konnte er deutlich die vom Mond beleuchteten Masten des Schiffes erkennen, welches dort vor Anker lag. Vorsichtig ließ er das Ruderboot, mit welchem er gekommen war, zurück ins Wasser. Er nahm Kurs auf das Segelschiff und ruderte zu den Anderen zurück.

Das monotone Rauschen und Gurgeln übertönte alle anderen Geräusche der Nacht. Das schäumende Wasser erfüllte die Luft mit dunstigen Nebelschwaden, welche den salzigen Geruch des Meeres verstärkten.

Leicht ermüdet setzte Trevor sich auf einen Stein. Er bemerkte, dass das Weiß seines Hemdes bei vollem Mondlicht viel deutlicher zu erkennen war. Gewohnheitsmäßig betrachtete er wieder das Meer. Sofort stießen ihm die kleinen Lichter am Horizont ins Auge, welche sich mit einer kaum feststellbaren Geschwindigkeit bewegten. Deutlich spürte er den Adrenalinstoß in seinen Adern. Im Bruchteil einer Sekunde war er wieder hellwach. Hastig griff er nach dem Petroleum und entzündete damit den auf einen abgeflachten Felsen aufgestapelten Holzhaufen. Nach wenigen Minuten flammte er hell auf und war bis weit auf die See hinaus zu erkennen.

Der alte Holden stand stillschweigend auf Deck des dreimastigen Segelschiffes namens „Vampire“, welches immer noch ruhig in der Bucht vor Anker lag. Bis auf Jack, der auf dem Boden des Decks saß und seinen Dolch betrachtete, war er ganz allein. Das einzige Licht, welches die Konturen der Felsen und die des Bootes erkennen ließen, war das des Mondes, denn Holden hatte angeordnet, kein Licht an Bord zu entzünden.

Nachdenklich durchfuhren seine Hände den grauen Bart. Seit einiger Zeit war er zu schwach, um Tätigkeiten außerhalb der „Vampire“ erledigen zu können. Seine alten Hände umgriffen das Steuerrad und tasteten die rauen Fasern des harten Holzes ab. Der Kapitän wusste, dass sein Platz hier an Bord sein würde.

Jack musterte sein blankes Metall und fuhr mit seinen murmelnden Selbstgesprächen fort. Die leichte Brise wehte seine zotteligen, halblangen Haare in sein bärtiges, aber noch junges Gesicht. Mit seinem immer glasiger werdenden Blick starrte er stumpfsinnig auf seinen Dolch und drehte ihn hin und her, so dass das Mondlicht die Klinge für kurze Zeit aufblinken ließ. Als sich in die fahlbleichen Lichtreflexe des Mondes auf seiner Dolchklinge gelblich- rötliche mischten, wurden seine Augen schmaler und sein Blick konzentrierter. Für kurze Zeit starrte er auf die Stahloberfläche, dann schaute er auf.

Auf den Klippen war jetzt deutlich das flackernde Leuchtfeuer zu erkennen. Das war das Zeichen. Ruckartig stand Jack auf und stützte sich mit einer Hand auf der Reling ab, mit der zweiten umklammerte er eine Flasche Rum. Ein Schwindelanfall, verursacht durch sein ruckartiges Erheben, durchsetzte seinen Kopf. Er stützte sich krampfhaft auf seine linke Hand.

Als er wieder zu sich kam, stand schon der Kapitän vor ihm. „Es geht los, Jack. Sag den Anderen Bescheid. Sie sollen sich bereit machen.“ Langsam setzte er die Flasche am Boden ab, griff nach seinem Dolch, um ihn in die Scheide an seiner Hose zu stecken und begab sich zu der Treppe, die unter Deck führte. „Und Jack, sag ihnen, dass ich an Bord bleibe.“

Wenige Sekunden später herrschte Hektik an Bord der „Vampire“. In Kürze war die Crew, die sich aus siebenundsechzig Männern zusammensetzte, an Deck versammelt. Hastig wurden die Beiboote zu Wasser gelassen. Bis auf fünf Männer, die als Wache an Bord blieben, begannen sie die ruhige Bucht zu überqueren und legten an der Spitze der Landzunge an.

Die Flammen erwärmten Trevors Körper. Die Lichter am Horizont kamen immer näher. Er war sich sicher, dass es sich dabei um das erwartete Handelsschiff der Spanischen Krone handelte. Wie erstarrt stand er da und betrachtete die leuchtenden Punkte. Dann schwenkte sein Blick auf das dunkle Wasser kurz vor der Landzunge. Das fahlweiße Mondlicht erhellte die schwarzen Felsen, welche aus dem flachen Wasser ragten.

Plötzlich vernahm er das Geräusch mehrerer Stimmen. Als er die Felsen hinaufschaute, zeichneten sich die dunklen Konturen der Männer gegen den helleren Nachthimmel ab. Dann blieben sie in der Gruppe nebeneinander stehen, während einer von ihnen begann die Klippen hinab zu klettern. Fluchend quälte sich der hagere Körper das letzte Steilstück herunter um das Plateau es Leuchtfeuers zu erreichen. Trevor musterte das Gesicht von Colin, der sich erschöpft auf einen Stein setzte.

Trevor deutete mit seiner Hand die Brandung entlang und sprach mit nüchterner Stimme zu Colin: „Siehst du dort hinten in etwa fünfhundert Metern Entfernung den hohen, spitzen Felsen? Dort soll der letzte Mann stehen.“ „So wird es sein.“ Mit einem Seufzer begann Colin sich die Felsen wieder hinauf zu arbeiten.

Nach einigen Minuten teilten sich die Silhouetten auf und verschwanden hinter den Felsen.

Jede Minute kam Trevor wie eine Ewigkeit vor. Er betrachtete die immer näher kommenden Lichter des Schiffes. An seiner rechten Seite lagen auf einem flachen Stein drei Pistolen, geladen mit jeweils zwei Patronen. Von den Anderen war jetzt nichts mehr zu hören. Jeder hatte seine Stellung eingenommen.

Langsam durchkreuzte der breite Bug das Meer. Trevor konnte mit Sicherheit feststellen, dass das Schiff auf die Küste zusteuerte. Neben der Beleuchtung kamen nun auch immer mehr die hohen Masten zum Vorschein, deren weiße Segel vom Mond angestrahlt wurden.

Trotz des schäumenden Wassers konnte man bereits die Stimmen der Matrosen hören. Bald herrschte Unruhe an Bord und die ersten Segel wurden bei gleich bleibendem Kurs herabgelassen. Trevor beobachtete die einzelnen Silhouetten an Bord, welche gut durch das helle Mondlicht zu erkennen waren. Ebenso gut beleuchtet wurden auch die Felsen, die gefährlich aus dem Meer ragten. Doch die Besatzung schien den Irrtum immer noch nicht gemerkt zu haben und steuerte weiterhin auf das Leuchtfeuer zu.

Trevor umschloss mit seiner rechten Hand den hölzernen Griff einer seiner Pistolen. Er konnte nun die einzelnen Stimmen an Bord klar voneinander unterscheiden. Irgendjemand schrie etwas Unverständliches durch die Nacht und löste Hektik auf dem Schiff aus. Der Bug begann sich nach links zu bewegen. Wenige Sekunden später durchfuhr das laute Krachen der Holzplanken die Stille der Nacht. Der Bug des Handelsschiffes schob sich einige Meter in die Höhe. Dann drehte sich das Boot langsam auf die Seite und begann mit Wasser voll zu laufen.

Gemächlich senkte sich das Heck einige Meter unter die Wasseroberfläche, während der Bug auf dem Felsen liegen blieb. Einige Männer der Besatzung versuchten schwimmend das Festland zu erreichen und waren bemüht, nicht von der Brandung auf einen Felsen gespült zu werden.

Zwei Männer versuchten an der steilen Küste den Strand zu betreten und begannen sich im knietiefen Wasser aufzurichten. Trevor feuerte die ersten beiden Schüsse ab. Fast lautlos sacken die beiden Männer im Wasser zusammen. Kurz darauf war eine Vielzahl weiterer Schüsse zu hören. Die in der Brandung umher treibenden Männer waren eine leichte Zielscheibe. Nach einigen Minuten verstummten die Schüsse und Geschreie und Trevor lud seine Pistolen zur Sicherheit noch einmal nach.

Am Vormittag des nächsten Morgens war das Handelsschiff so weit wie möglich geplündert. Zum Glück befand sich die meiste Ware im Bug des Schiffes, welcher noch immer über der Wasseroberfläche lag. Es hatte besondere Mühe gekostet die schweren Kanonen aus dem Wrack in die Beiboote der „Vampire“ zu hieven.

Der kleine Sandstrand zwischen den Felsen war übersät von Holzplanken und Bestandteilen der Schiffsfracht. Dazwischen trieben in der seichten Brandung einige Leichen der Bootsbesatzung. Das kleine Ruderboot bahnte sich seinen Weg durch das Schwemmgut und setzte auf dem Sandstrand auf.

Trevor sprang aus dem Boot, um es ein Stück weiter auf den Strand zu ziehen. Dann folgte ihm Colin mit einer kleinen hölzernen Truhe. Er machte einige Schritte zur Mitte des Strandes, wo er sie zu den anderen geborgenen Gegenständen legte.

„Das war alles, mehr gibt es nicht“ gab er mit einem Seufzer von sich und setzte sich sichtlich erschöpft auf den Boden.

Trevor betrachtete die acht geborgenen Kanonen und die dazu gehörige Munition mit größter Zufriedenheit. Zwanzig weitere Männer hatten sich um die Ware herum niedergelassen. Sie waren erschöpft, der Großteil von ihnen hatte keinen Schlaf bekommen.

Morris fuchtelte mit seiner Pistole herum. Vor ihm lagen zwölf Gefangene der Bootsbesatzung im Sand gefesselt. Mit unvollständigen Sätzen auf Spanisch war er bemüht, einige Worte aus ihnen herauszuholen. Trevor stand ruhig vor den Gefangenen und betrachtete jeden Einzelnen von ihnen.

„Morris, haben die etwas gesagt?“ „Nein, nichts, absolut nichts!“ „Vielleicht haben die dich nicht richtig verstanden oder wollen dich nicht verstehen, aber ich bin mir ziemlich sicher, die wissen wirklich nichts. Ich glaube, denen ist nicht einmal klar, wie wertvoll ihre Kanonen sind. Warum sollten sie auch, sind ja nur Händler und Matrosen. Helft mir, wir müssen sie wieder knebeln, bevor sie noch anfangen zu schreien.“

Nachdem die Männer seine Anweisung ausgeführt hatten, stand er still vor den eingeschüchterten und verängstigten Spaniern. Zwei von ihnen hatten bereits das Bewusstsein verloren und waren zur Seite gekippt. Dem Einen war das Gesicht mit geronnenem Blut überzogen, während der Andere wahrscheinlich die Schmerzen des Bauchschusses nicht mehr hatte ertragen können. Vielleicht war er auch schon tot. Die Anderen hatten zerfetzte Kleider und Schürfwunden.

Trevor blickte sich um, betrachtete die geborgene Schiffsladung und dann seine Männer. „Jetzt haben wir es fast geschafft. Bleibt nur noch die Drecksarbeit. Die ersten fünfzehn Männer von rechts können beginnen, die Ladung auf die Boote zu laden und zur „Vampire“ zu bringen. Die Restlichen helfen mir bei der Beseitigung der Gefangenen.“ „Trevor, wir können die doch nicht einfach umbringen!“ „Wir dürfen keine Zeugen hinterlassen. Feuert keine Schüsse ab, die sind zu laut. Der nächste Hafen ist nicht sehr weit. Ist zwar zurzeit kein spanisches Regiment stationiert, aber die werden ihr Schiff bereits vermissen. Könnte sein, dass sie schon danach suchen.“

Trevor blickte für einen kurzen Moment auf den Boden, dann gab er seinen Männern den Befehl: „Bajonette aufpflanzen!“ Die Männer zogen die Klingen aus ihrem Gürtel und steckten den kegelförmigen Griff in den Lauf ihrer Musketen. Morris verharrte auf der Stelle und rührte sich nicht. Sein Herz schlug schneller, sein Magen zog sich zusammen.

Trevor schrie: „Vorstoßen!“ Er machte einige Schritte nach vorn und drückte dem ersten Gefangenen die Klinge in den Brustkorb. Der Spanier kippte mit aufgerissenen Augen nach vorne in den Sand.

Colin stach mit dem Bajonett auf die Körper der Bewusstlosen ein. Im gleich bleibenden Rhythmus verteilten sich die Blutspritzer über den Boden. Unter den restlichen Gefangenen entstand Panik, gemischt aus Versuchen zu Schreien und sich fortzubewegen.

Trevor kniete zu dem sich noch zuckend bewegenden Spanier hinab und schnitt ihm die Kehle durch. Als er beobachtete, wie das sprudelnde Blut sich seinen Weg über die Klinge in den Sand bahnte, wurde ihm plötzlich kalt. Er wandte seinen Blick wieder nach oben und gab dem Rest einen Wink.

Die zunächst unentschlossenen Männer richteten die Musketen nach vorn und gingen auf die Gefangenen zu. Kurze Zeit später lagen die blutüberströmten Körper reglos auf dem Boden.

Trevor erhob sich vom Boden. Zwischen den Körpern bewegte sich noch was. Ein Engländer stieß erneut zu. Danach herrschte Stille.

„Die lassen wir hier so liegen. Der Rest hilft mit beim Transportieren der Ladung. Los, los! Wir haben nicht ewig Zeit. Und wo zum Teufel ist Jack geblieben? Ist der etwa schon an Bord?“

Morris wandte seinen starren Blick von den Leichen ab. Er hatte seinen Dolch immer noch in der Hand, obwohl er es nicht fertig gebracht hatte, ihn in das wehrlose Fleisch zu bohren.

„Nein, nein, der ist mit meinem Bruder den Strand absuchen gegangen. Dort, in diese Richtung zum nächsten Sandstrand. Wollten gucken, ob sie noch etwas Brauchbares finden können. Müssten aber bald wieder zurück sein.“ „Ich gehe sie suchen. Colin und Morris, ihr bleibt bei der Ware. Wir fahren dann mit dem letzten Boot zurück an Bord.“

Bald verschwand Trevor hinter den Klippen der Felsküste, während die anderen Männer die Ware auf die vier Beiboote hievten.

Langsam begann Jack seine Hose auszuziehen, während Timothy das Mädchen auf den sandigen Boden drückte. Sie hatte lange, dunkelbraune Haare und war eindeutig spanischer Abstammung. Ihr Kleid hatte sie noch an, aber der obere Teil war bereits zerrissen.

Als Jack begann, ihre wohlgeformten Brüste zu lecken, hatte sie bereits aufgehört, sich zu wehren. Voller Entsetzen starrte sie in den Himmel, und Timothy drückte ihre Hände fester auf den Boden. Langsam strich Jack mit seiner rechten Hand ihre Schenkel empor. Mit seiner Linken begann er, ihr Kleid ruckartig nach oben zu ziehen.

Dann spürte er einen harten Gegenstand an seinem Hinterkopf. Erschrocken blickte er sich um und schaute in den Lauf von Trevors Pistole. „Zieh sofort die Hose an“. Jack verharrte einige Sekunden in seiner Position, um sich dann langsam aufzurichten. „Okay, okay, ich hör ja schon auf, verdammter Dreck noch mal!“

Timothy löste den Druck auf das Handgelenk des Mädchens und begann ebenfalls sich zu erheben. Gemächlich und mit sichtlichem Respekt vor Trevor, der seine Pistole noch immer mit kalter Mine in ihre Richtung hielt, drehten Beide sich um und gingen in Richtung der Ruderboote.

Währenddessen kroch das Mädchen rückwärts auf allen Vieren vom Wasser weg, um sich anschließend an einer Felswand aufzurichten. Regungslos starrte sie mit ihren verängstigten Augen Trevor an, welcher immer noch an derselben Stelle des Strandes stand. Dann ging er langsam auf das Mädchen zu, das sich fester gegen die Felswand presste und mit ihren Armen und Händen den nackten Oberkörper zu verbergen versuchte.

Als er kurz vor ihr stand, setzte er den Lauf seiner Pistole an ihre Schläfe und drückte ab. Mit einem dumpfen Geräusch fiel der leblose Körper in den Sand. Nachdem Trevor einige Zeit auf das tote Mädchen gestarrt hatte, ging er zum Lager am Strand zurück.

„Wer zum Teufel hat da geschossen?!“ „Halts Maul, Colin.“ „Was für eine Laune! Hier ist alles weggeräumt und an Bord der „Vampire“. Bin nur noch mal gekommen, um dich abzuholen!“

Die „Vampire“ war schon zum Auslaufen bereit. Das Wetter war klar und sonnig und der auffrischende Wind stand gut. Vorsichtig bewegte sich das Segelschiff an den zahlreichen Felsen und Untiefen entlang aus der Bucht hinaus.

Colin begutachtete noch einmal die unter Deck verstaute Ware und zeigte sich sichtlich zufrieden. Neben den Kanonen und ein wenig Gold und Schmuck hatten sie auch eine Menge Nahrungsmittel als Proviant erbeutet, mehr als sie wahrscheinlich benötigen würden. Dann begann er in einer Truhe mit Kleidern herumzuwühlen und suchte nach einem neuen Hemd.

Nach kurzer Zeit hatte die „Vampire“ die Küste hinter sich gelassen und befand sich auf offener See. Der Wind wehte durch die grauen, zotteligen Haare des alten Holden, welcher hinter dem Steuerrad stand. „Morris, rufe Trevor zu mir“. „Ja, Sir“.

Nach kurzer Zeit befand er sich an Heck des Bootes. „Ist alles nach Plan verlaufen?“ „Ja. Wir konnten acht Kanonen mit einer Menge Munition bergen.“

Trevor schwieg und starrte reglos auf die Planken des Steuerdecks. Hinter ihm erschien Colin und führte den Bericht weiter: „Darüber hinaus ist unser Proviant mehr als ausreichend. Von unserer Mannschaft wurde niemand verletzt und ich denke, dass wir keine Überlebenden hinterlassen haben. Bleibt nur noch zu hoffen, dass die Spanier nicht so schnell vermisst werden.“ „Ich weiß. Noch bis Morgen wäre es möglich, ein spanisches Kriegsschiff zu schicken, um uns abzufangen. Wir sind mit unserem riesigen Proviant und der Mannschaft nicht sehr schnell. Trevor, sorge zur Sicherheit dafür, dass unsere neuen Kanonen in Stellung gebracht werden, und mache dich mit ihrem Umgang vertraut.“ „Zu Befehl“.

In seinen Gedanken war Trevor bereits wo anders. Nun hatte er wieder Zeit, um zu vergessen.

Kapitel 3

Die Begegnung

16.08.1636

Ayamonte, Spanien

Die Hacke zog durch den harten Boden. Die Stoppeln der abgetrennten Getreidehalme bewegten sich um das Metall und wurden von der Erde begraben. Fernando spürte wie die Kraft in seinen Armen nachließ. Er blieb stehen und blickte sich auf dem kleinen Acker zwischen den Olivenbäumen um.

Außer ihm war niemand hier. Auf seiner Haut klebte Staub. Er rieb mit seiner rechten Hand über den Dreck auf seinen Beinen. Als er sich bückte bemerkte er, wie der Stoff des Hemdes an seinem Rücken klebte.

Er öffnete seine linke Hand. Der Holzstiel der Hacke kippte zur Seite. Seine zerschlissenen Schuhe drückten sich zwischen die Lehmstücke. Er erreichte den Stamm eines Olivenbaumes und setzte sich in den Schatten. Neben ihm lehnte eine Muskete. Fernando griff nach dem Lauf und legte die Waffe auf seinen Schoß.

Seine Finger zogen den Hahn nach hinten. Fernando blickte zu der Tasche mit den Kugeln und dem Pulver. Die Hitze machte ihn träge, er blieb auf der Stelle sitzen. Er griff mit seiner linken Hand unter den Lauf und richtete ihn nach vorn. Daraufhin schloss er sein linkes Auge und blickte durch Kimme und Korn.

Die Waffe wurde schwerer, er schob sich etwas nach hinten und stützte seine linke Hand auf seinem Knie ab. Das Visier suchte nach einem Ziel. Auf einem Ast saß ein kleiner Vogel. Fernando betätigte den Abzug. Das Metall schlug ins Leere. Das blecherne Geräusch ließ den Vogel auffliegen.

Fernando blickte ihm hinterher. Als er zwischen den Olivenbäumen verschwunden war, lehnte der Spanier die Muskete zurück an den Stamm. Er schloss seine Augen und horchte den Geräuschen der Natur. Dann schlief er ein.

Irgendetwas drückte gegen sein Bein. Fernando drehte sich zur Seite. Die Stöße wurden härter. Er öffnete seine Augen.

Vor ihm stand sein Bruder. Fernando blickte sein Gegenüber ungläubig an: „Carlos? Ihr seid zurück?“ Carlos streckte ihm seine Hände entgegen. „Bruder, lass dich umarmen!“

Fernando sprang auf und klopfte Carlos mit beiden Händen auf sie Schulterblätter. In wenigen Sekunden war er wieder hellwach. „Erzähl schon, was habt ihr erlebt? Wie war eure Reise?“ Carlos deutete den Pfad durch die Plantage entlang. „Unsere Mutter erwartet uns, sie möchte uns endlich mal wieder zusammen sehen.“

„Hast du Angst? Angst vor der Freiheit und dem, was dich erwartet?“ „Angst? Nein, ich denke nicht.“ „Was ist es dann, kleiner Bruder?“

Carlos badete seine Füße im schäumenden Meerwasser, um sich ein wenig vom schwülheißen Tag abzukühlen, während Fernando den Punkt am Horizont betrachtete, wo das Meer mit der untergehenden Sonne verschmolz. Dann blickte er auf die kantigen Felsen, auf welche er sich gesetzt hatte.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich bei der Sache deinen Ehrgeiz aufbringen kann.“ „Wenn du nicht mit mir gehst, dann wirst du in Kürze an die Front einberufen. Ich habe gehört, dass unsere Truppen bei der französischen Offensive erhebliche Verluste erlitten haben. Ich lasse nicht zu, das sie dich in einer Reihe aufstellen und niederschießen lassen.“ „Ich habe Angst vor diesem Krieg und bin dir sehr dankbar. In den letzten Jahren habe ich alles gelernt was ich wissen muss, und nun wird es wirklich Zeit, von hier wegzukommen.“

Fernando fuhr fort: „Habt ihr dort drüben immer noch größere Schwierigkeiten?“ „Nein, noch nicht. Wir müssen uns aber auf alles vorbereiten. Seit uns Frankreich den Krieg erklärt hat, wimmelt es auf dem Meer nur so von französischen und englischen Freibeutern. Die englischen Hurensöhne werden von der Königin persönlich für ihre Beutezüge geadelt, da für sie auch ein großer Teil abspringt. Das wird natürlich alles abgestritten. Nach außen hin werden von den Engländern scheinbare Maßnahmen ergriffen, dieselben Leute zu bekämpfen. Tatsache ist jedoch, dass sie in den letzten zwei Jahren keinen Freibeuter mehr hingerichtet haben. Nun greift sich jeder Halunke ein Boot und geht auf Raubzug. Wenn das so weiter geht, brauchen wir bald wesentlich mehr militärische Unterstützung.“ „Seid ihr welchen begegnet?“ „Zum Glück nicht. Aber vor ein paar Tagen wurde eine ganze Ecke weiter im Süden eine kleine Stadt von englischen Freibeutern überfallen. Die haben wahrscheinlich vermutet, dass wir dort geborgene Schätze lagern. Da haben sie sich geirrt. Wenn die aber uns begegnet wären, dann wäre das unser Ende gewesen. So schwer beladen wären wir ihnen ausgeliefert gewesen.“

„Wird Pedro auch wieder mitkommen?“ „Ja, warum?“ „Ich konnte ihn noch nie leiden, auch früher nicht. Der ist immer nur besonders zuvorkommend, wenn er sich einen Vorteil davon verspricht.“ „Dann ist das eine Gelegenheit für dich, zu lernen, wie man mit solchen Leuten umgeht. Auf dem Meer hat unsere Arbeit und Pflicht erste Priorität, unabhängig von persönlichen Interessen. Jeder muss sich auf jeden verlassen können.“ „Es wird langsam kalt, lass uns zurückgehen.“

Als Carlos und Fernando sich vom Boden erhoben, erschien Pedro über den Felsen und blieb am Rand der steinigen Küste stehen.

„Carlos! Beeil dich, es gibt Schwierigkeiten!“ Die beiden Brüder guckten sich für einen kurzen Moment ungläubig an, dann gingen sie schneller. Die scharfen Felskanten bohrten sich in ihre Fußsohlen. Bald hatten sie den Strand überwunden, welcher in einen kleinen Pinienwald überging. Pedro wartete ungeduldig auf einem kleinen Sandpfad, der durch den Wald führte.

„Carlos, ich weiß, es wird dir nicht gefallen, aber wir müssen morgen früh wieder aufbrechen!“ „Morgen früh? Unmöglich!“ „Wir haben keine andere Wahl. Auftrag von oberster Priorität. Du hast sicher von den Freibeutern gehört, die Vera Cruz überfallen haben. Die müssen dort irgendwelche Unterlagen über eines unserer Handelsschiffe in die Finger bekommen haben. Sie ließen es letzte Nacht auflaufen und plünderten es. Wir sollen sie abfangen!“

„Das ist unmöglich, Pedro! Die Mannschaft ist erschöpft, wir sind gerade mal einen halben Tag an Land.“ „Darum habe ich mich bereits gekümmert. Wir sind wirklich in großer Zeitnot. Es ist bereits alles abgesprochen. Wir benötigen dreißig Männer, das reicht völlig aus. Die Hälfte von ihnen brauchen wir zum Segeln, die andere Hälfte kann dann erst einmal schlafen. Auch das Boot wird bereits beladen. Wir nehmen alles an Waffen und Kanonen mit, was wir hier haben!“

„Was springt für uns dabei raus?“ „Wenn wir erfolgreich sind eine fette Prämie.“ „War kein anderes Schiff einsatzbereit?“ „Nein, wir sind hier der letzte Posten. Die sind ganz sicher auf dem Weg nach England, um dort ihre Ware abzuliefern.“

Fernando schwieg. Zum ersten Mal hatte er seinen Bruder in einer Situation beobachten können, mit der er sichtlich nicht zurecht kam. Er wirkte fast schon auf eine gewisse Weise eingeschüchtert.

Besorgt schaute Carlos seinen Bruder an. „Ich wäre dir dankbar, wenn du uns beim Beladen der „Manola“ hilfst.“ Fernando erhob seinen nachdenklichen, leeren Blick vom Boden um Carlos überrascht anzuschauen: „Ich soll hier bleiben?“ „Ja, natürlich.“ „Nein, das werde ich nicht!“ „Doch, das wirst du, verdammt noch mal!“ „Ich werde mich nicht verstecken. Da sind Freibeuter, die unsere Schiffe versenken, unsere Städte ausrauben, unsere Landsleute abschlachten und unsere Frauen vergewaltigen. Ich werde dabei sein und mich nicht weiter verstecken!“

Carlos schwieg, während Fernando sich für einen kurzen Moment über sein eigenes Durchsetzungsvermögen wunderte. Carlos schaute indessen seinen Bruder respektvoll an. „Weißt du denn, wofür du dich da entscheidest?“ „Ja, ich denke schon.“

Fernando schwenkte seinen Blick zurück auf den Boden und beobachtete, wie sich seine Füße bei jedem Schritt in den sandigen Boden eingruben. Der Sand war im Vergleich zum frühen Nachmittag bereits stark abgekühlt. Ein leichter Schüttelfrost durchfuhr seinen Körper.

Rechts und links von ihnen erstreckte sich der dichte Nadelwald. Carlos wandte sich Pedro zu. „Wie ist die Moral an Bord?“ „Hält sich in Grenzen. Haben viel zu viel zu Tun, um darüber nachzudenken.“

„Die Meisten von ihnen haben kaum Kampferfahrung. Die haben höchstens ein paar Indios erschossen.“

Fernando schaute weiter auf den Boden. Bald darauf wurde ihm richtig kalt. Er spürte, dass er jetzt Angst hatte. Aber er war sich sicher, dass er das Risiko für eine gute Sache riskieren musste. Ja, er hatte Angst. Er hatte so viel Angst wie noch nie zuvor in seinem Leben.

Als die Drei nach einer halben Stunde den Hafen erreichten, war es bereits dunkel. Die Unsicherheit in Carlos hatte sich wieder gelegt und war seiner kühlen, berechnenden Denkweise gewichen. Fernando dagegen sprach kaum ein Wort.

An Bord der „Manola“ und im Hafen waren die Vorbereitungen im vollen Gang. Jedoch statt mit Proviant, Werkzeugen und anderen Utensilien wurde sie mit Waffen beladen. Keiner der Matrosen war gespannt auf ein neues Abenteuer, denn sie waren alle dabei, eine Schlacht vorzubereiten.

„Leute, die Martinez-Brüder sind da! Fernando, bist du etwa auch mit dabei?“ Fernando blickte vom Boden auf und musterte an der Reling des Schiffes Juan. Es heiterte ihn ein wenig auf, ein vertrautes Gesicht zu sehen. „Ja, das bin ich“ erwiderte er mit einer leisen, nachdenklichen Stimme und war sich dabei nicht sicher, ob Juan seine Worte überhaupt verstehen konnte.

Carlos und Pedro waren bereits dabei, das Schiff zu betreten. „Wie weit seit ihr mit den Vorbereitungen?“ „Wir haben fast alles aufgeladen. Die Kanonen sind alle an Bord. Fehlt nur noch ein wenig Munition.“ „Haben wir noch genug vorrätig?“ „Nicht mehr viel. Müsste aber ausreichend sein.“

Fernando und Juan begaben sich zu den Beiden an die Reling des Schiffes, von welcher man einen guten Überblick über das rege Treiben im Hafen hatte. Carlos stellte sich vor die Männer: „Gut. Ich werde mir mal kurz eine Übersicht verschaffen. Fernando, Juan, wir sehen uns in einer Viertelstunde unter Deck.“ Daraufhin verschwand er zusammen mit Pedro und begann einzelne Anweisungen zu geben.

Fernando blickte Juan an. „Kann ich noch irgendwas helfen?“ „Nein, zur Zeit nicht. Ist alles fast so weit. Bleib mir bloß am Leben, Kleiner. Kannst du gut mit einer Muskete umgehen?“ „Ich denke ja.“

„Hast du schon jemals einen Menschen getötet?“ „Nein“ „Wirst du damit Probleme haben?“ Fernando musterte Juan mit finsterer Miene. „Nein, werde ich nicht.“ „Gut. Wenn es ernst wird, dann bleib einfach in der Nähe deines Bruders, da bist du sicher. Wir sehen uns gleich im Kapitänszimmer.“

Fernando nahm die Hektik um sich herum wie in Zeitlupe wahr. Er blieb einige Minuten an derselben Stelle des Schiffes stehen. Dann begab er sich unter Deck.

Carlos, Juan und Pedro saßen bereits am Tisch. Sein Bruder stand davor. „Fernando, setze dich. Ich habe einiges mit euch zu besprechen. Wir haben genügend Munition für die Kanonen. Aber dafür viel zu wenig Musketen und Pistolen. Die Säbel und Dolche reichen gerade einmal aus. Das bedeutet, dass wir für den Nahkampf nicht gut ausgerüstet sind. Zudem werden sich an Bord der Freibeuter schätzungsweise fünfzig bis sechzig Mann aufhalten, fast das Doppelte unserer Besatzung. Soweit ich weiß, haben wir in Vera Cruz ein Waffenlager. Die werden sich bei ihrem Raubzug dort ordentlich eingedeckt haben. In der Nachricht, die ich bekommen habe, steht ausdrücklich, dass es von äußerster Wichtigkeit sei, die gestohlene Ware, was immer sie auch sein mag, zurückzubringen. Dieses wiederum setzt aber voraus, dass wir ihr Schiff entern. Das würde einem glatten Selbstmord gleichkommen.“

Juan schaute Carlos mit fragendem Blick an. „Und was werden wir tun?“ „Sie werden sehr gut bewaffnet sein, dafür aber auch schwer beladen. Wahrscheinlich befindet sich auch jede Menge Gold und Proviant an Bord, aber nur wenige Kanonen. Die hätten sie für den ursprünglich geplanten Landraub kaum gebrauchen können und hindern ansonsten nur ihre Schnelligkeit und Wendigkeit. Deshalb haben wir nur eine Chance zu überleben, wenn wir sie versenken. Seid ihr alle damit einverstanden?“

Die Drei schauten ihn nachdenklich an. „Ja“. „Ja, einverstanden.“ „Und du, Pedro?“ „Was ist mit dem Auftrag? Und vor allem, was ist mit unserer Prämie?“

„Zum Teufel damit! Ich habe die Verantwortung über dreißig Männer und werde nicht ihr sicheres Grab schaufeln für eine lächerliche Prämie!“

„In Ordnung.“ „Gut. Dann werden wir gute Karten haben, das Meer von ein paar Freibeutern zu befreien. Wir sind wesentlich leichter beladen und somit weit aus manövrierfähiger.“

Carlos schwieg einen kurzen Moment, um schließlich das Gespräch erneut aufzunehmen: „Es versteht sich von selbst, dass unsere Unterhaltung niemals stattgefunden hat. Wir hatten erst im Gefecht die Erkenntnis, dass nur noch ein Versenken möglich ist. Sind wir uns darüber einig?“ Fernando und Juan nickten ihm schweigend zu.

Pedro schaute in eine andere Richtung, ohne seine Miene zu verziehen. Dann zischte er leise: „Könnte es sein, dass deine Entscheidungen durch die Anwesenheit deines Bruders beeinflusst werden?“

Carlos schaute ihn überrascht an. „Was sagst du da? Deine Geldgier ekelt mich an! Wenn irgendjemand an diesem Tag meine Befehle missachtet oder etwas von diesem Gespräch nach Außen dringt, dann jage ich ihm persönlich eine Kugel in den Kopf. Haben wir uns da verstanden?“

„Ich denke, wenn wir so vorgehen, dann ist das unsere einzige Chance“ erwiderte Juan nachdenklich, während Fernando schweigend aber aufmerksam das Gespräch verfolgte.

„Jetzt macht euch an die Arbeit.“ Die Drei erhoben sich und waren auf den Weg den Raum zu verlassen, ihnen voran Pedro mit kaltem Blick.

Carlos schaute ihnen hinterher. „Fernando?“ „Ja?“ „Setz dich noch einmal hin.“ „Tut mir Leid, dass ich durch meine Anwesenheit deine Autorität gefährde.“ „Nein, das tust du nicht. Pedro war immer schon ein starrköpfiger Egoist, jedoch wenn es hart auf hart kam, immer loyal.“ „Ja, besonders wenn er sich einen Vorteil davon verspricht.“ „Ich weiß, was du von ihm denkst, aber uns bleibt keine Zeit für solche Auseinandersetzungen. Die Mannschaft wird meine Autorität achten, da bin ich mir sicher. Wenigstens ist es ein guter Zeitpunkt herauszufinden, ob es wirklich so ist. Setzen wir uns.“

„Meine Entscheidung ist immer noch die Gleiche.“ „Ja, ich weiß. Daran habe ich auch nicht gezweifelt. Du wirst trotzdem immer in meiner Nähe bleiben und tun, was ich dir sage, sind wir uns da einig?“ „Ja, natürlich.“ „Gut. Ich habe hier Kleidung für dich. Zieh das an.“ „Aber das ist die Kleidung eines Offiziers. Ich habe nicht die Berechtigung…“ „Es ist aber sicherer für dich. Wenn du gefangen genommen werden solltest, dann werden sie dich für einen Offizier halten. Die bringen eine gute Prämie bei den Engländern, da diese einen hohen Preis für den Freikauf verlangen können. Jedenfalls werden sie dich am Leben lassen. Also los, zieh das endlich an!“

Fernando ging langsam zu dem Tisch, auf welchen Carlos die Kleidung gelegt hatte. „Und was werden die Anderen dazu sagen?“ „Ich werde ihnen sagen, dass wir keine andere Kleidung mehr hatten. Denn mit dem, was du jetzt an hast, bist du nur eine gute Zielscheibe für unsere eigenen Leute.“ „Gut, in Ordnung.“

Fernando begann, seine alten Kleider abzulegen und die Neuen anzuziehen. „Steht dir ausgezeichnet, Bruder.“ Carlos drehte sich um und öffnete den kleinen Holzschrank, welcher hinter seinem Tisch an der Wand hing. In ihm befanden sich drei Musketen und zwei Pistolen.

„Und hier ist die passende Waffe für deine Kleidung.“ Carlos überreichte ihm stolz eine seiner Musketen. Fernando nahm sie entgegen um sie genauer zu begutachten. „Nur für den Fall, dass dir jemand zu nahe tritt. Wenn einer von denen in Reichweite kommt, dann knall ihn ab. Gefangene machen wir nicht. Das pflegen die in der Regel auch nicht zu tun. Sie haben es nicht anders verdient. Hier hast du ausreichend Munition. Schieße nur gezielt und überlegt, denn wenn dir die Zeit zum Nachladen fehlt, bist du tot. Bruder, wir sehen uns. Ich muss nach oben.“

„Danke nochmals.“ Carlos hatte bereits das Zimmer verlassen und war an Deck geeilt, während Fernando auf der Stelle stehen blieb, in den Händen die Waffe seines Bruders. Er setzte sie an seine Schulter an und blickte durch das Visier. Dann packte er seine alten Sachen in eine Ecke und steckte das Bajonett in die Scheide an seinem Gürtel. An der linken Seite des Gürtels befestigte er zur Sicherheit ein Dolch, welcher sich im noch aufgeklappten Holzschrank seines Bruders befand. Dann ging er die Treppe hinauf und begab sich auf das Deck.

„Fernando, leg die Taue dort zusammen, Pedro sagt dir, wo sie hinkommen. Juan, sorge dafür, dass die Segel gesetzt werden und übernimm erst mal das Steuerrad.“

Carlos eilte über die Holzplanken, während Pedro in Fernandos Richtung starrte. „Gerade mal fünf Minuten an Bord und schon befördert?“ „Halts Maul, Pedro.“

Hastig eilte Carlos herbei. „Nicht reden, Pedro. Komm jetzt, wir gehen unter Deck und bringen die Kanonen in Position.“

„Hey Fernando, komm nach oben, wir laufen aus!“ Juan winkte ihn auf das Steuerdeck. Fernando schaute in den klaren Sternenhimmel und beobachtet, wie die Matrosen auf den Masten umher kletterten um die Segel zu lösen. Wenig später flatterte ihm das erste weiße Tuch entgegen. Es wurde sogleich festgezurrt und straffte sich in der leichten Brise.

Die „Manola“ driftete Meter für Meter vom Anlegeplatz weg. Als sie den Hafen verließen, war auf den anderen Handelsschiffen keine Regung auszumachen, und auch in der Hafenstadt kehrte wieder Ruhe ein. Fernando beobachtete das immer kleiner werdende Festland. Bald war es im Dunkel der Nacht verschwunden.

Carlos erläuterte Pedro unter Deck seine Strategie für das Gefecht: „Wir haben nur zwölf Kanonen an Bord, macht für jede Seite sechs. Bleibt nur noch zu überlegen, wo wir sie in Stellung bringen.“ „So weit es geht, sollten wir möglichst viele von ihnen oben aufs Deck bringen. Damit erzielen wir die größte Reichweite.“ „Das stimmt. Wir werden ihnen dann aber hauptsächlich das Deck und die Segel zertrümmern. Nein, wir werden zuerst unter Deck alle Kanonenklappen bestücken. Dann können wir sie voll Wasser laufen lassen, indem wir Löcher kurz über der Wasseroberfläche in ihre Flanke schießen. Sorge dafür, dass die Kanonen an ihre Plätze gebracht werden. Und verteile die Munition. Du wirst dann unter Deck bleiben und den Befehl zum Feuern weiterleiten. Ich übernehme jetzt das Steuerrad.“

Die ersten Lichtstrahlen des Morgens glitzerten auf den kleinen Wogen des Meeres, kurz nachdem die Sonne aufgegangen war. Dabei beschränkten die dichten Nebelschwaden die Sicht und ließen den Horizont nicht mehr erkennen. Im Gegensatz dazu erschien der Himmel jedoch in einem klaren Blau, überzogen nur von einigen Federwolken.

Trevor atmete tief durch. Schon die halbe Nacht hatte er im Ausguck der „Vampire“ gestanden. Sie war sehr kühl gewesen und die immer wärmer werdenden Sonnenstrahlen des beginnenden Sommertages verliehen ihm ein wohliges Gefühl.

„Colin, he Colin, löse mich mal für eine halbe Stunde ab.“ Langsam kletterte Trevor aus der luftigen Höhe hinab und begab sich an das Steuerrad, hinter welchem Holden stand. „Wie sieht es aus, irgendetwas ausmachen können?“ „Nein, viel zu nebelig. Haben wir das Kap Finisterre schon erreicht?“ „Wir müssten gerade daran vorbei sein.“ „Wie weit segeln wir vom Festland entfernt?“ „Ungefähr zwanzig Seemeilen.“ „Sind wir nicht zu nah dran?“

Trevor blickte sich einmal um dreihundertsechzig Grad um und konnte außer Nebelschwaden nichts erkennen. „Nein. Es wird immer diesiger. Deshalb werden sie uns kaum finden. Also habe ich den kürzesten Weg ausgewählt, um uns möglichst schnell aus der Reichweite der Spanier zu bringen. Für den Fall, dass wir ihnen dennoch begegnen, ist alles vorbereitet?“

„Ja. Unsere acht neuen Kanonen befinden sich auf Deck, der Rest darunter. So können wir sie mit den neuen Lafetten alle auf eine Seite rollen.“ „Gut. Wenn sich bis heute Abend nichts tut, dann haben wir es geschafft. Selbst bei schlechtem Wetter sind wir in fünf Tagen in England.“

Morris liebte den Platz am Bug, wo er sich immer in das Netz legte, um das vorbeirauschende Wasser unter sich zu beobachten. In der Bugwelle tummelten sich einige Delphine, die schon seit einiger Zeit sichtliche Freude zeigten, dem Schiff zu folgen.

Als ihm die Lage auf dem Bauch zu ungemütlich wurde, setzte er sich hin und schwenkte seinen Blick über das Deck. Außer dem Kapitän und Trevor, welche in die andere Richtung schauten, war niemand da. Morris legte sich auf den Rücken und musterte den vorbeiziehenden Nebel. Obwohl es jetzt schon angenehm warm war, schien die Sonne die Schwaden nicht bekämpfen zu können. Nur ein mattes Licht drang durch sie hindurch.

Am oberen Ende einer Nebelbank schimmerte etwas rötliches, Morris konzentrierte seinen Blick darauf. Bald kamen blaue und gelbe Farben hinzu und ließen deutlich das Banner erkennen.

„Ein spanisches Kriegsschiff“ fuhr es Morris durch den Kopf. Sogleich erhob er sich und kletterte hastig aus dem Netz. „Ein spanisches Kriegsschiff! Trevor, wir werden angegriffen!“

Blitzschnell drehte sich Trevor um. Die Flagge wehte im Wind. Deutlich zeichnete sich das erste Segel gegen den Nebel ab. Trevor blickte zu dem leeren Ausguck. „Colin, Colin! Du Trottel, wo bist du verdammt noch mal! Überall, aber nur nicht da, wo du sein sollst.“

In kurzer Zeit hatte er die Treppe erreicht und eilte hinab. “Bereit machen zum Gefecht! Wir werden angegriffen! An die Kanonen, los, los! Colin, du solltest Aussicht halten! Los, uns bleibt keine Zeit, auf Deck mit euch!“

Die Mannschaft stürmte hastig die Treppen empor. Morris hatte bereits den Holzschrank mit den Pistolen und Musketen geöffnet und drückte den ersten Zwanzig von ihnen eine davon in die Hand, zusammen mit einem Beutel Munition. „So, das waren alle, und jetzt hoch mit euch! Bringt euch in Stellung! Ihr kämpft mit den besten Steinschlossmusketen, die es je gegeben hat!“

Trevor stand vor ihnen. „Colin, du bist für die Kanonen unter Deck verantwortlich. Du feuerst als letztes, erst wenn wir in Reichweite sind, verstanden?“ „Habe ich verstanden. Los, Männer, bringt Pulver und Kugeln hier rüber, macht schon!“

Hastig eilte Trevor auf dem Deck umher. Die Hälfte der gegnerischen Masten war schon aus dem Nebel hervorgetreten und die Zeit wurde immer knapper. „Morris, sorge dafür, dass die Kanonen auf die Backbordseite gebracht werden. Auf keinen Fall schießen! Ich gebe den Befehl!“

Holden beobachtete die Unruhe vom Steuerrad aus. Er bemerkte kaum, dass Trevor die Treppen zu dem höher gelegenen Deck hinauf kam. „Gleich geht es los.“ „Die werden uns bald eingeholt haben. Zum Entkommen sind wir zu langsam.“ „Was dann?“ „Wir drehen bei.“ „Und dann?“ „Sie werden nicht wissen, wie gut wir bewaffnet sind. Also warten wir, bis wir auf etwa zweihundert Yards Entfernung sind. Dann feuerst du die oberen Kanonen ab. Wenn wir näher dran sind, bekommen sie die untere Ladung zu spüren.“ „Das könnte funktionieren.“

Trevor zog den Hahn seiner Muskete zurück. Dann fasste er sie mit seiner Linken am Lauf und füllte mit seiner Rechten etwas grobes Schwarzpulver aus seinem Horn hinein. Darauf folgte die Bleikugel und ein Pfropfen aus Papier. Er zog den hölzernen Ladestock aus der Vorrichtung unterhalb des Laufes und verdichtete die Ladung. Als letztes gab er etwas feines Pulver auf die Zündpfanne.

Er lud auf gleiche Weise seine Pistole. Den Hahn zog er nur bis zur Ruhrast an, um sie schusssicher in seinen Hüftgurt stecken zu können. Die Muskete hielt er in beiden Händen und visierte für einen kurzen Moment mit Kimme und Korn das gegnerische Schiff an. „Es geht wieder los.“

Er eilte die Treppen des Steuerdeckes hinab und blickte flüchtig über seine Schulter. An Bord des spanischen Schiffes schien jeder auf seiner Position zu sein. Trevor sprang auf das Mitteldeck. „Die Kanonen hier rüber, macht schon, Männer! Los, Colin, bring das Seil rüber und binde die Lafetten fest! Beeilung, in einer Minute müssen wir bereit sein zu feuern! Alle Männer mit Schusswaffen gehen hinter der Reling in Deckung! Los, runter mit euch! Nicht schießen, bevor sie in Reichweite sind!“

Carlos und Fernando standen hinter dem Steuerrad der „Manola“ und blickten zu Juan, der auf Deck die letzten Anweisungen gab. Carlos war etwas erleichtert, denn er hatte die Freibeuter eindeutig überrascht. So leicht hatte er sich das nicht vorgestellt.

„Fernando, du bleibst an meiner Seite. Geschossen wird nur gezielt. In zwei Minuten sind wir in Reichweite ihrer Kanonen. Gott steh uns bei!“

Fernando umklammerte seine Muskete und zog die Lunte etwas nach.

Die blonden Haare wehten durch Trevors Gesicht. Er stand an der Reling und beobachtete das spanische Schiff, welches jetzt gefährlich groß erschien. Jeder hatte endlich seine Position eingenommen und wartete auf seine Befehle.

Morris sorgte dafür, dass die oberen Kanonen das gegnerische Deck etwas unterhalb der Reling anvisierten. Gut, dachte Trevor, wir müssen ihre Kanonen ausschalten, bevor sie diese abfeuern können.

„Männer, in zehn Sekunden geht es los!“ Ruhig stand er da und musterte seine Gegner, die immer noch regungslos in ihrer Stellung innehielten.

Für einen kurzen Moment schien die Sonne durch die Nebelschwaden und blinzelte ihn an. Rechts und links von ihm hatte jeder seine Schusswaffe angelegt, während in der zweiten Reihe weitere Männer bewaffnet mit Säbeln und Dolchen warteten. Die Stille ließ jeden von ihnen vor Spannung erstarren.

Trevor schaute nach links, nach rechts und dann nach vorne. „Feuer! Feuer!“ Acht Kanonenschläge donnerten über das Meer und hüllten das Deck der „Vampire“ in eine nach Schwefel riechende Qualmwolke.

Fast gleichzeitig hörte man die Planken an Bord der „Manola“ krachen. Nur zwei Kanonenkugeln hatten ihr Ziel verfehlt und schlugen viele Meter dahinter in das Meer. Die anderen hatten sich durch die hölzernen Flanken des Schiffes geschlagen und dort große Löcher gerissen.

Langsam verzog sich der Qualm. „Nachladen, los, nachladen!“ Trevor war konzentriert und verschwendete keinen Gedanken an seine Furcht. „Sten und Morris, tiefer mit den Kanonen! Ihr müsst auf die Kanonenluken schießen!“

Noch immer war die „Vampire“ nicht in der Schussweite der Verfolgergeschütze. Die Männer bestückten die Kanonen hastig mit neuen Kugeln, Schwarzpulver und Leinenpfropfen. Dann spannten sie die Taue der Lafetten und richteten die Kanonenrohre in der korrigierten Höhe aus.

Trevor stand immer noch an seinem Platz und schaute zum Gegner, welcher für einen kurzen Moment abzudrehen schien. Nachdem der wahrscheinlich führende Offizier das Steuer an einen anderen Matrosen abgegeben hatte, lief er zum Mitteldeck. Einige Männer rannten durch die Gegend und ließen Unruhe aufkommen, unterstützt durch lautes Geschrei.

Dann drehte die „Manola“ wieder bei. Holden umschloss mit beiden Händen das Steuerrad und war bemüht, das Näherkommen ein wenig zu verzögern, dabei jedoch weiterhin ihre Steuerboardseite im Visier zu behalten.

Trevor zuckte zusammen, als neben ihm das Holz der Reling splitterte. Einige Salven blieben in der Bordwand stecken. Der Mann mit der Muskete neben ihm sank gerade auf die Planken und blieb dort reglos liegen. Eine Kugel hatte ein kleines Loch durch seinen Kopf gerissen. Der Matrose dahinter ging ebenfalls zu Boden und umklammerte mit der Linken seinen rechten Arm.

„Verdammt. Wo zum Teufel kam das her! Bringt den Mann unter Deck! Nach vorne schauen und in Deckung bleiben. Kanoniere macht euch bereit. Und Feuer!“

Erneutes Krachen des Schwarzpulvers, Qualmschwaden und splitternde Holzplanken. Dieses Mal hatte Morris besser gezielt. Seine Kugel drang einige Zentimeter unterhalb einer Kanonenklappe in den Schiffsrumpf ein. Das sich darüber befindende Geschütz sackte dadurch ein Stück tiefer, rollte nach vorne und fiel ins Meer.

„Bogenschützen nach vorne! Pfeile noch nicht entzünden!“

Kanonendonnern an Bord der Spanier. Schreckhaft ging die englische Mannschaft in Deckung. Die Angreifer hatten nur noch fünf Kanonen auf dieser Seite. Vier Kugeln schlugen ein, eine davon gefährlich nahe über der Wasseroberfläche.

Trevor eilte zur Treppe, welche unter Deck führte. „Drei Männer unter Bord. Ihr beiden und Sten, macht schon! Versucht das Leck zu stopfen, wenn Wasser eindringt! Colin, die unteren Kanonen!“

Colin blickte durch seine Kanonenluke. Schemenhaft konnte er in einer Klappe des Gegners erkennen, wie nachgeladen wurde.

„Feuer!“ Scheppern unter Deck. Colin kamen die Tränen, als ihm der Qualm in die Augen stieß. Nachdem er sich etwas verzogen hatte, begutachtete Colin die aufgerissene Flanke des gegnerischen Schiffes. Fünf Kanonenluken der „Manola“ waren völlig zerborsten.

Trevor stand wieder an seinem Platz hinter der Reling. „Nimm die Muskete runter! Geh in Deckung! Pfeile entzünden! Zielt auf die Segel und die Kanonenluken!“ Die Männer hielten die Pfeile an die Fackel und nahmen das Ziel ins Visier.

„Feuer! Und weiter, weiter, lasst sie brennen! Morris, wenn bei uns Feuer ausbricht, dann sorge dafür, dass es gelöscht wird! Nimm die Decken, die Decken!“

Immer mehr brennende Pfeile bahnten sich ihren Weg durch die Luft und hatten Mühe, ihr Ziel zu erreichen. Zwei von ihnen trafen jedoch das untere Segel am mittleren Masten und entfachten dort ein Feuer, welches sich immer schneller und immer weiter empor fraß.

Die Spanier hatten die Situation nicht mehr unter Kontrolle und es brach an Bord das Chaos aus. Manche Matrosen bemühten sich vergebens das sich immer weiter ausweitende Feuer zu löschen, während der andere Teil der Mannschaft hinter der Reling in Stellung ging, um einen Enterangriff abwehren zu können.

Die beiden Boote waren jetzt nur noch etwa fünfzig Yards von einander entfernt. Trevor koordinierte seine Männer. „Feuer, los, mehr Feuer! Zielt auf die Kanonenluken!“ Dann rannte er vom Mitteldeck in Richtung Heck.

Instinktiv ließ er sich fallen, als ihm einige Feuerpfeile entgegen kamen. Einer bohrte sich in den Masten über ihn. Trevor lag auf dem Rücken und blickte zur linken Seite, von welcher die Schreie eines Engländers kamen. Gekrümmt auf den Holzplanken windend war der Verwundete bemüht, den brennenden Pfeil aus seinem Rücken zu ziehen. Dabei konnte er jedoch nicht verhindern, dass sich sein Hemd immer mehr entflammte. Er ließ sich über Bord fallen.

Entschlossen stand Trevor wieder auf, zog den brennenden Pfeil aus dem Holzmasten und warf ihn ins Wasser. Dann rannte er zur Treppe, die zum Steuerrad führte. Als er nach links schaute, stand die „Manola“ in Flammen. Fast alle Segel brannten und aus einer Kanonenluke am Bug des Schiffes drangen dichte Qualmschwaden.

„Holden, Holden! Die sinken, wir müssen abdrehen! Wenn sie ihre Kanonen noch einmal laden können, dann reißen sie unsere Seite auf! Abdrehen!“

Holden blickte die Treppen hinab. „Mach alles bereit zum Entern, wir gehen an Bord!“ Trevor starrte ihn für den Bruchteil einer Sekunde ungläubig an. „Aber das ist doch völlig sinnlos! Da gibt es doch gar nichts zu holen!“

„Wir entern in zwei Minuten, bringe die Schützen in Stellung!“ Trevor eilte die Treppen wieder hinab und spürte, wie der Zorn in ihm aufstieg. „Wofür unnötiges Blutvergießen, wofür? So ein Narr!“ stieß es ihm in den Kopf.

„Enterhaken hier rüber, beeilt euch! Musketen anlegen und Ziele aufnehmen! Schmeißt die verdammten Bögen weg und greift euch einen Degen!“

Bei jeder Woge spülte mehr und mehr Wasser in das Lager der „Vampire“. Sten drückte einen alten Holztisch dagegen.

„Los, die Tücher, klemmt sie in die Ritzen! Ja, gut so, weiter, weiter!“ Mit aller Kraft stemmte er sich gegen den Tisch um zu verhindern, dass noch mehr Wasser in das Schiff lief.

Plötzlich durchfuhr ein Zucken seinen Körper, als wenige Zentimeter über seinem Kopf die Holzplanken zerschmetterten. Kurz darauf ein dumpfes Stöhnen, krachendes Holz. Der aufgeplatzte Körper eines Matrosen schlug auf dem Boden auf und blieb in einer Pfütze aus Blut und Eingeweiden liegen. Das Blut auf den Planken mischte sich allmählich mit dem eindringenden Meereswasser im Rhythmus des Wellenganges.

Sten schloss seine Augen und drückte sich mit seinen zitternden Beinen weiter gegen den Tisch.

Pedro konnte kaum noch etwas erkennen, der Qualm war zu dicht. Seine Kanone hatte er bereits wieder geladen.

Um ihn herum war das Chaos. Wilde Schreie, Panik. Keine Befehle mehr. Regungslos saß er auf dem Boden. Erst Blick nach links. Feuer, Qualm. Blick nach rechts. Sein Nebenmann lag in seiner eigenen Blutlache, die Kanone war zerstört. Ein Feuerpfeil hatte sich durch seinen Hals gebohrt und das austretende Blut der Hauptschlagader die Flammen gelöscht.

Blick nach vorne. Das Heck des Freibeuterschiffes. Obere Kajüte über das Kanonenrohr im Blick behalten und im richtigen Moment der Meereswogen die Lunte auf die Zündpfanne bringen.

Feuer, Qualm und Zurückschlagen des Geschützes. Blick durch die Luke. „Getroffen!“ Pedro beobachtete, wie der hintere Mast des Schiffes abknickte und die Segel auf dem Wasser aufschlugen.

Trevor stand gebückt hinter der Reling, während Colin die Treppenstufen empor geeilt kam. „Sind bereit zum Entern!“ „Morris, Timothy, zielt auf den Steuermann!“

Die beiden Boote waren jetzt nur noch zwanzig Yards auseinander. „Bringt die Enterhaken an den Bug!“ Colin stellte sich auf einen Kasten am Mitteldeck und nahm ebenfalls den Steuermann ins Visier. Musketensalven, der Mann brach hinter dem Steuer zusammen und blieb auf den Planken liegen.

„Jetzt geht es los, entern! Zum Bug mit euch! Die Musketiere in die erste Reihe! Werft die Enterhaken!“

Die Hand eines Engländers umschloss das Seil des Enterhakens und schleuderte ihn an Bord der „Manola“. Er musste ihn erst einige Meter zu sich heranziehen, bis er sich irgendwo an Bord verkeilte.

„Ich habe sie, ich habe sie! Bringt die Holzplanke hier rüber!“ Hinter Trevor stand ein Trupp mit Degen bewaffneter Männer, vor der Reling die mit Musketen bewaffneten Männer in Deckung. Mit aller Kraft stemmte sich der Mann am Seil gegen den Zug.

Dann durchschlug eine Kugel seinen rechten Wangenknochen und trat kurz über dem linken Ohr wieder aus seinem Kopf heraus. Der Griff am Seil löste sich, während er auf den Boden sackte und sein Blut über das Holz spritzte.

Trevor sprang auf. „Zum Seil, haltet es fest. Feuert!“ Musketensalven, weitere Enterhaken. Nur noch drei Yards.

„Macht die Seile fest, bringt die Holzplanke zu mir, macht schon, schneller! Nachladen, nachladen!“ Wenig später ein kleiner Ruck, der Bug der „Manola“ stieß in die Flanke zwischen Bug und Mitteldeck.

Trevor setzte die Holzplanke an Bord der Spanier auf. Sein Blick schwenkte nach oben. Feuer, Qualm, Geschrei. Die Masten brannten, das Heck war vom Qualm verhüllt.

„Die ersten fünf Männer, rüber mit euch, rüber!“ Hastig kletterten sie über die Reling auf die Holzplanke. Hinter ein paar Kisten an der Spitze des Buges schien es Deckung zu geben. Der erste Mann setzte seinen Fuß an Bord der Gegner.

Musketenläufe hinter den Kisten, Schüsse. Die Angreifer fielen auf den Boden. Einer blieb reglos auf der Holzplanke liegen, die Anderen kippten in das Meer.

Trevor ließ sich auf das Deck fallen. Als er wieder aufschaute, sah er einzelne Silhouetten im Weiß. Er zog den Hahn seiner Pistole in die Spannrast. Ein brennender Spanier rollte sich über die Reling und schlug auf einem gekenterten Ruderboot auf. „Feuer!“ Erneut Musketensalven der Engländer.

Trevor kletterte auf die Holzplanke und war bemüht, nicht im Blut auszurutschen. Deutlich spürte er sein Herz schlagen. Der Rest der Männer eilte ihm nach. Als Trevor über das Heck lief, blickte er plötzlich in den Lauf einer Pistole. Sprung über die Kiste, ein Schuss. Erschrocken starrte ihn der spanische Matrose an. Seine Kugel hatte verfehlt. Trevors Säbel bohrte sich durch seinen Bauch, es ertönte ein heller Aufschrei.

Von rechts eilte jemand auf ihn zu. Pistole ausrichten, Feuer. Colin stand mit zwei anderen Männern auf den Kisten. Weitere Schüsse.

„Runter mit euch, runter!“ Sechs Männer gingen hinter den Kisten in Deckung, der Rest blieb davor und legte die Musketen an. „Colin, Timothy und Deacon, geht am Mitteldeck unter Bord und sucht nach etwas Brauchbaren. Seht ihr kurz vor der Treppe den Absatz? Dort will ich euch gleich alle in Position sehen. Wenn ihr runter geht, Colin, dann sorgen wir dafür, dass euch niemand folgt. Los, rüber mit euch, weiter!“

Trevor und Colin eilten über das Mitteldeck, die Männer vor und hinter den Kisten ihnen hinterher. Vor dem Absatz warfen sie sich auf das Holz. „Anlegen! Colin, macht euch bereit. Feuer!“

Colin hastete mit den beiden Männern die Treppe hinab. Der Qualm wurde immer dichter. Bald konnte er nichts mehr erkennen.

Pedro war kurz davor zu ersticken. Vergebens hatte er sich bemüht, die Kanone noch einmal nachzuladen. Panisch tasteten sich seine Hände die Bordwand entlang, bis sie endlich ein Loch fanden. Schnell ließ er sich hindurch fallen und landete im Meer.

Als er wieder auftauchte, spürte er einen Griff in seinem Nacken. Ein Matrose bemühte sich, ihn in das kleine Ruderboot zu ziehen. Erst begann Pedro zu husten, dann spuckte er Wasser aus. „Los, nimm das Ruder! Das Ruder!“

Carlos suchte durch sein Visier ein neues Ziel. Am Heck des Schiffes gab ihm der Aufbau gute Deckung. Rechts und links von ihm waren Juan und Fernando in Stellung gegangen. Allen war bewusst, dass ihre Situation aussichtslos war.

Vor ihnen lagen vier Leichen, an der rechten Seite des Hecks feuerten ein paar spanische Matrosen die letzten Salven ab, um die Piraten am weiteren Vorstoßen zu hindern.

Langsam flüsterte Carlos: „Hinter uns ist ein Ruderboot im Wasser. Wir werden gleich alle zusammen schießen, zum Heck laufen und dort über Bord springen.“

„Jetzt.“ Juan und Carlos feuerten ihre letzte Kugel ab, rollten zur Seite und sprinteten los.

Behäbig erhob sich Fernando aus seiner Deckung und blieb vor der Wand des Steuerdecks stehen. Blick um die Ecke, nichts zu sehen. Seine Angst lähmte ihn für jede weitere Handlung. In seinen Händen die Muskete, jedoch nicht angelegt oder geladen. Schweifender Blick über das Deck.

Einer der vier spanischen Matrosen am Boden lebte noch. Krampfhaft klammerte er sich mit seiner rechten Hand an der Reling fest. Zwei Kugeln hatten seine Eingeweide aufgerissen und ließen ihn Blut spucken. Kurz darauf kippte er zur Seite. Zuckende Bewegungen durchfuhren seinen Körper. Ein letztes Röcheln, die starren Augen schauten nach oben. Fernandos Blick folgte ihnen. Die Segel waren fast vollständig abgebrannt. Einzelne Seidefetzen bahnten sich langsam ihren Weg zum Boden und zogen feine Qualmfäden hinter sich her. An den Holzmasten fraßen sich die züngelnden Flammen empor. Auf beiden Seiten war Feuer. Kaum noch Sicht.

Fernando stand immer noch reglos an derselben Stelle. Um ihn herum war auf einmal Stille. Keine Schüsse und Schreie mehr. Nochmals ließ er seinen Blick über das Deck schweifen.

Gegen die weißen Qualmschwaden zeichnete sich eine Silhouette ab. Trevor stürmte vom Mitteldeck in Richtung Heck, die Pistole in seiner Hand. Dann blieb er stehen, und Fernando blickte in ihren Lauf. Kein Reflex, nur Lethargie. Er schloss seine Augen.

Aus der Backbordflanke drang ein gewaltiger Feuerball und erschütterte das Schiff, die Pistolenkugel schlug wenige Zentimeter neben seinem Kopf in der Holzwand ein.

In Sekundenbruchteilen war Fernando wieder hellwach. Unter Deck musste sich der restliche Schießpulvervorrat entzündet haben.

Das Holzgeländer der Treppe zerbrach, als Trevor dagegen geschleudert wurde. Benommen lag er kurze Zeit am Boden, um sich schließlich vorsichtig wieder aufzurichten.

Schnell war Fernando bemüht, seine Muskete nachzuladen. Mit zitternden Fingern gab er zunächst etwas Schwarzpulver in den Lauf. Danach folgten die Bleikugel und der Verschlussstopfen. Dieses veraltete Gerät. Mit dem Ladestock alles bis zum Anschlag schieben, den Ladestock herausziehen, die Muskete wieder am Griff fassen und die brennende Lunte etwas nachziehen. Wo zum Teufel hatten die Angreifer die preußischen Jagdgewehre aufgetrieben?

Obwohl er bemüht war sich zu beeilen, dauerte das Laden diesmal viel länger als sonst. Als letztes gab er etwas Pulver aus seinem Pulverhorn auf die Zündpfanne. Anlegen und das Ziel aufnehmen.

Der Angreifer wirkte immer noch angeschlagen und suchte vergeblich nach seiner Pistole. Langsam zog er seinen Degen und schwankte in die Richtung eines schützenden Stapels aus Holzkisten.

Fernando zielte auf seinen Rücken. Kaum bemerkte er, wie sich das Schiff allmählich auf die Backbordseite legte und die Holzplanken immer weniger Halt gaben. Der Spanier löste den Abzug. Die glimmende Lunte traf in die Zündpfanne. Das Feuer fraß sich seinen Weg in den Lauf und löste den Schuss.

Trevor ging erneut zu Boden. Schreiend umklammerte er mit beiden Händen sein linkes Bein. Langsam quälte er sich kriechend über die Planken und versuchte die schützende Deckung zu erreichen.

Fernando lud noch einmal nach. Die letzte Kugel. Konzentrierter Blick über Kimme und Korn. Trevor stemmte sich auf, um über einen kleinen Absatz zu gelangen. Nochmals Rücken anvisieren, zitternder Finger am Abzug. Noch etwas nach links.

Der stechende Schmerz durchfuhr Fernandos rechte Schulter. Er wurde durch den Aufprall der Salve gegen die Holzwand geschleudert, die Muskete ließ er fallen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht ging er in die Hocke.

Blick nach vorne, niemand zu sehen. Rechts und links auch keiner. Flüchtiger Blick nach hinten. An der Wand klebte sein Blut, die Kugel hatte seine Schulter durchschlagen.

Timothy sprang vom höher gelegenen Steuerdeck. Als er auf dem Boden aufkam, durchfuhr ein kurzes Zucken Fernandos Körper. Zeit zum Umschauen blieb ihm nicht mehr. Er spürte einen harten Schlag auf den Hinterkopf. Noch bevor sein Kopf auf den Holzplanken aufschlug, wurde ihm schwarz vor Augen.

Ende der Leseprobe

 

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Autor und Selbstverlag:

Martin Sack

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1. Auflage April 2015