Alligator Rodeo

Alligatorhecht

August 2013  .  USA  .  Texas  .  Trinity River

Martin Sack

Nachdem meine ersten Reisen auf der Suche nach den Giganten unter den Süßwasserfischen außerhalb Europas mich zu den Stören Kanadas und Nilbarschen Ugandas geführt hatten, stand nun eine weitere Spezies auf dem Plan, welche sicherlich nicht jedem Europäer auf Anhieb vertraut war. Über Alligatorhechte wurde in letzter Zeit zwar hin und wieder etwas in Angelberichten und Fernsehsendungen berichtet, doch ich wollte es genauer wissen: Was hat der Süden Texas zu bieten, wenn man zwei Wochen diesen Urfischen nachstellen würde? Glücklicherweise fand ich in Tom einen weiteren Verrückten, der sich auch einmal mit diesen langzähnigen Raubfischen anlegen wollte. Und so startete meine erste Reise in die USA in einen schlammigen, verlassenen Sumpf ganz nach meinem Geschmack.

Der Trinity River ist mit 1140km Länge der längste Fluss, der sich komplett in Texas befindet. Wir wollten möglichst viele und abwechslungsreiche Strecken der unteren Flusshälfte stromab von Dallas bis zu seiner Mündung ins Meer befischen. Trotz seiner Länge ist der Fluss recht schmal, gerade im Sommer, auf seinem Tiefststand. Bei Livingston ist er durch eine Staustufe und dem Livingston Lake unterbrochen, der restliche Verlauf war absolut ursprünglich und weitestgehend vom Ufer nicht zu erreichen. Er wurde von dichten Wäldern gesäumt, deren mitgerissenen Bäume den Fluss zum Teil komplett verblockten. Die mäßige Strömung wurde immer wieder von flacheren Stromschnellen abgelöst. Wer sich hier in die entlegensten Flusschleifen wagen wollte, war ganz Gewiss auf einen ortskundigen Guide angewiesen. Allein die Fahrt durch diesen Urwald war die Reise wert, und wir überlegten manches Mal, wie viele Schrauben wir auf den Wegen zu den Angelspots mit unserer üblichen Fahrtgeschwindigkeit im Morgengrauen geschrottet hätten! Der Lohn unserer Abenteuer: Wir sahen in zehn Tagen kein weiteres Angelboot und hatten den Fluss ganz für uns allein!

Gemächlich begann der Schwimmer in der Strömung etwas zu wippen und zeigte uns an, dass der Fisch am anderen Ende der Schnur den Köder noch zwischen seinen Kiefern haben musste. Tom stand am Bug des Bootes und hielt die Schnur zur Pose kurz, ohne dabei Kontakt aufzunehmen. Auf der Mitte des schmalen Flüsschens und abseits der angenehmen Schatten der überhängenden Vegetation waren wir der heißen Sonne ausgesetzt. Doch auch hier war das braune Wasser von einem regelrechten Unterwasserwald an toten Bäumen durchsetzt. Der Schwimmer setzte sich wieder in Bewegung und zog langsam stromauf. Wir starteten den Motor und folgten ihm. Vor uns ragten weitere Stämme aus dem Wasser, doch ein frühzeitiger Anschlag hätte kaum Aussicht auf ein Fassen des Hakens gehabt. Die Spannung stieg, wir versuchten den Verlauf des Hindernisses unter Wasser einzuschätzen. Doch wir hatten Glück, die Schnur wurde nicht unter einem Holzstamm hindurch gezogen. Der Fisch durchquerte den anschließenden Gumpen, dann war der richtige Zeitpunkt gekommen: Tom straffte die Schnur und setzte einen kräftigen Anhieb. Sein Gegner bleibt zunächst behäbig am Boden und drehte unser Boot. Plötzlich setzen die kurzen, kräftigen Fluchten ein und wir wussten, dass dieser Fisch mehr Kraft hatte als seine Vorgänger. Dann schoss ein Alligatorhecht direkt neben dem Boot aus dem Wasser und schüttelte seine offenen Kiefer! Wahnsinn, der musste doch über zwei Meter haben! Nach weiteren Fluchten war er dann langsam bereit für die Landung. Wir führten das Lasso von hinten über die Rute, die Schnur hinunter, über den Schädel und hinter die Brustflossen. Als es sich über seinem Schuppenpanzer zuzog, schäumte das Wasser noch einmal auf. Wir zogen das Tier ins Boot und waren bemüht, nicht in die Reichweite seiner langen Zähne und der wütenden, harten Schnauze zu kommen! Wir hatten ja nun schon einiges an Angelabenteuern erlebt, aber vor diesen Fischen hatten wir deutlichen Respekt.

Ebenso abenteuerlich wie diese Raubtiere war unsere Angelmethode. An einer kräftigen Bootsrute mit Freilaufrolle und 60er Geflochtene wurde eine Laufpose, ein Wirbel, ein 70kg-Stahlvorfach und ein 3/0er Drilling montiert. Wir stellten den Posenstopper auf ca. doppelter Wassertiefe ein, beköderten den Haken mit einem fetten Fischstück und ließen ihn über dem Angelplatz zu Boden sinken. Dann hieß es bei offenem Rollenbügel ans Ufer fahren, Rute auf einem Stick mit Funk-Bissanzeiger am Ufer absetzen, Freilauf einschalten und drei weitere Fallen auf gleiche Weise setzen. Nun konnten wir uns ein schattiges Plätzchen suchen und entspannen, driften und Spinnfischen oder die Zeit mit dem Fang von Köderfischen vertreiben. Oft waren die Wartezeiten jedoch nicht sehr lang. Die meisten Bisse begannen recht zögerlich. Wir setzten uns in Bewegung, sammelten die Rute ein und die Verfolgungsjagd konnte beginnen. Wenn ein Alligatorhecht unter einem Hindernis hindurch gezogen war, kappten wir einfach die Schnur hinter dem Stopperknoten. Sobald der Schwimmer auf der anderen Seite auftauchte, wurden die Enden wieder zusammen geknüpft. Saß der Fisch dennoch im Holz, versuchten wir, mit einer zweiten Rute, Blei und Drilling das Schnurende auf der anderen Seite zu fassen. Das klappte nicht immer, aber oft erstaunlich gut, wenn der Fisch noch hing.

Zog der Alligatorhecht im freien Wasser ca. zehn Minuten, hatte er die Beute gedreht und so tief im Maul, dass ein Haken fassen konnte. Leider musste man auch oft ein Schlucken des Drillings in Kauf nehmen, das Vorfach konnte dann nur noch gekappt werden. Wir verwendeten dazu spezielle, dünndrähtige Haken aus Bronze. Mit diesen Haken wurde an zehn gefangenen Fischen eine Studie durchgeführt. Ein Tier starb auf dem Transport, die anderen überlebten, bis sie nach und nach getötet und untersucht wurden. Dabei stellte sich heraus, dass nach drei Monaten dieser Hakentyp restlos zersetzt und verschwunden war. Wir experimentierten weiterhin erfolgreich mit angedrückten Widerhaken und hofften, dass sich der Haken dadurch, beim Schlucken der nächsten Beute, vorzeitig aus dem Magensack ziehen würde. In Zukunft werden wir auch weitere Versuche mit Sofort-Anschlagsystemen machen, die im ersten Versuch leider keinen Biss brachten.

Zurzeit dürfen pro Angeltag ein Alligatorhecht im Trinity River entnommen werden. Leider stört das die meisten Bogen-„Jäger“ wenig, da sie ihre Beute nur schießen und zurück ins Wasser schmeißen. Kontrollen gab es da kaum. Zum Glück sind uns nur zwei solcher Boote begegnet, und die Aussichten sind im trüben Wasser nicht jederzeit optimal. Jedoch kann man nur vermuten, wie groß der Schaden ist, wenn in der Hochsaison, im Frühjahr, die großen Laichfische im flachen Wasser getötet werden. Leider gewinnt in den USA die Jagd mit dem Bogen mehr an Popularität als das Angeln und der Schutz dieser Tiere. Die Alligatorhechte leben in diesen Flusssystemen nun schon seit 100 Millionen Jahren, wir können und wollen diese Respektlosigkeit nicht begreifen, nur aus Spaß zu töten.

Auf unserer Tour war der Trinity River jedoch noch voll von Alligatorhechten. Überall tummelte sich das Leben, Unmengen von Futterfischen stellten die Grundlage für viele große Raubtiere dar. Neben den Alligatorhechten trieben sich in den trüben Fluten auch noch einige große, echte Alligatoren herum, welche allerdings sehr Kamerascheu waren. Wir konnten 36 Fische überlisten, darunter vier von 1,98-2,16m, und hatten noch eine Menge an Fehlbissen. Die Regel waren aber Exemplare von 1,30-1,80m, ein Alligatorhecht über 2,30m ist eine echte Herausforderung. Die größten, jemals bestätigten Fänge aus Zeiten der Berufsfischerei waren um 2,70m lang, alles andere darüber hinaus kann getrost ins Reich der Mythen gezählt werden.

Auch wenn schon einige Fische mit Spinnködern und Fliegen gefangen wurden, konnten wir keine einzige Attacke mit Gummis und Blinkern provozieren. Oft sahen wir große Alligatorhechte an der Oberfläche nach Luft schnappen – die dann unseren Kunstköder missachteten, aber den Naturköder am Grund einsammelten. Auch wenn sich die Räuber in vielen Belangen ähnlich unserer Hechte verhalten, der Geruchssinn scheint in den trüben, sauerstoffarmen Gewässern eine wesentlich größere Bedeutung zu haben. Wir werden das Thema ganz gewiss erneut aufgreifen!

Wir blickten auf eine spannende, kurzweilige und abwechslungsreiche Tour zurück. Mit ganz besonders faszinierenden Raubfischen, welche sich dieses Attribut auch redlich verdient haben. Hier war das Angeln noch fernab von Mainstream und kommerzieller Vermarktung. Wer einmal am Trinity River war, wird ganz bestimmt dahin zurückkehren wollen!

Besten Dank auch an unsern Kapitän, ein absolut professionelles Angeln und jede Menge Fun an Bord!

 

Statistik

Angler: Tom , Martin

Alligatorhechte über 1m: 36

Alligatorhechte über 2m: 3

 

1.Tag:3                                                                             1.67 – 1.51 – 1.40

2.Tag:1                                                                           1.48                                                                                3.Tag:4                                                                   1.47 – 1.29 – 1.24 – 118

4.Tag:6                                                                          1.66 – 1.46 – 1.45 – 1.30 – 1.24 – 1.08

5.Tag:4                                                                         2.01 – 1.85 – 1.79 – 1.35

6.Tag:2                                                                        1.90 – 1.74

7.Tag:3                                                                       2.00 – 1.63 – 1.62

8.Tag:4                                                                       1.62 – 1.42 – 1.28 – 1.26

9.Tag:4                                                                      1.64 – 1.58 – 1.55 – 1.38

10.Tag:5                                                                    2.16 – 1.98 – 1.76 – 1.58 – 1.27

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