Amazon Wild Rivers - Teil 1

Arapaima, Piraiba, Redtail, Jau, Peacock, Payara, …

Februar 2015 . Südamerika

Martin Sack

Den ganzen Tag waren wir mit unserem Boot über weite Seen und durch enge Kanäle gepirscht. Ein Labyrinth wie aus einer vergessenen Welt schien eines seiner ältesten Schätze gut verbergen zu wollen. Um uns herum zeigte sich die tropische Vegetation in einem saftigen Grün, und wir suchten Schatten unter einem Baum für eine kurze Pause. Unter uns war das trübe Wasser maximal zwei Meter tief, die schmale Bucht war von einer Menge umgestürzten Bäumen durchsetzt. Plötzlich tauchte ein Maul neben unserem Boot auf, atmete an der Oberfläche und zeigte seinen breiten Nacken. Das war einer! Wir waren wieder hellwach und versuchten so leise wie möglich zu unseren Ruten zu greifen. Mit zwei kurzen Würfen flogen unsere Köderfische an der Posenmontage in Richtung des Schwalles. Und tatsächlich lief mein Schwimmer nach einer Minute ab. Ich setzte erfolgreich den Anhieb und befand mich im Drill mit meinem ersten großen Arapaima! Wahnsinn, und das am zweiten Angeltag. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal beim Angeln so aufgeregt war. Der Fisch zog immer wieder in langen, kraftvollen Fluchten Schnur von der Rolle. Ich drillte ihn nicht zu hart, sonst hätte er sich in den damit provozierten Sprüngen selber starke Verletzungen zuführen können. Als sich der Arapaima das erste Mal neben dem Boot zeigte, wurde ich noch nervöser – der Einfachhaken hatte nur ganz knapp an der Maulspitze gefasst. Wir strandeten das Boot auf dem Ufer, unser Guide sprang galant ins Wasser und ich stolperte mit der Rute hinterher. Sobald ich den Fisch in Ufernähe hatte und wir glaubten ihn fassen zu können, sauste er immer wieder zwischen unseren Beinen davon. Doch dann konnten wir ihn endlich zu zweit im knietiefen Wasser umgreifen – in letzter Sekunde, denn der Haken hatte sich zeitgleich aus dem Maul gelöst! Was für ein Fisch! Was für ein Abenteuer! Was für ein Tag! Wir beeilten uns mit den Fotos und ließen den Arapaima so schnell wie möglich wieder in sein Element.

Zweieinhalb Jahre früher. Ich startete mit meinen Recherchen für eine groß angelegte Expedition in die Urwälder Südamerikas. Dabei wollte ich nahezu alle Spezies beangeln, ganz besonders die großen Welsarten Piraiba, Redtail und Jau sowie den Mythen umwobenen Arapaima. Schnell konnte ich Claudia und Nils dazu begeistern, sich gleich einen Monat gemeinsam mit mir in die tropische Wildnis zu begeben. Unsere Reise sollte sich über drei verschiedene Flusssysteme in zwei verschiedenen Ländern erstrecken. Die erste Hälfte wollten wir uns dabei einem Gewässer widmen, welches uns durch seine Artenvielfalt in den Bann zog. Doch wie schwierig war es all diese Fische auch selber zu fangen? Um das heraus zu finden, unterstützten uns noch Marcel, Denny und Andi auf dieser Etappe.

Leider war die kleine Regenzeit ausgefallen, welche uns jetzt eigentlich etwas höhere Wasserstände bringen sollte. In weiten Bereichen war der Fluss zu verschachtelten Rinnsalen zusammen geschmolzen, manchmal schien sich einer seiner vielen Nebenarme gänzlich zwischen all den großen, ausgewaschenen Felsblöcken zu verlieren und machte ein Passieren für unser kleines Boot unmöglich. Unser Guide hatte uns gesagt, wir hätten nun wirklich die schlechtesten Bedingungen erwischt, um einen Piraiba, hier Lau Lau genannt, zu fangen. Claudia sah das in ihrer Sternstunde mit zitternden Armen ganz sicher anders. Ihre Rute war bis ins Handteil gebogen und zog das Boot. Anders als die anderen Welsarten legte ihr Gegner immer wieder schnelle und kräftige Fluchten hin, welche ihr die Rute fast aus der Hand rissen oder beinahe auf die Bordwand schlugen. Das war ein ganz klares Zeichen – sie hatte einen guten Lau Lau gehakt! Die Sonne brannte auf uns herab, der Fisch blieb zäh in der Tiefe des Gumpens. Zum Glück versuchte er nicht, eine der folgenden Stromschnellen mit all den Hindernissen zu erreichen. Bald konnte Claudia den Fisch vom Boden lösen, und nach zwanzig Minuten erschrak auch ich, als es Zeit für die Handlandung mit „Wallergriff“ war. Was für ein Monster neben dem Boot! Das Maßband zeigte wahnsinnige 2,17m, dieser Fisch war geschätzt gut über hundert Kilogramm schwer!

Denny konnte beim Nachtangeln noch einen weiteren großen Lau Lau von 2,07m landen, Nils und ich verloren zwei Fische in der 2m+ Kategorie nach einigen Minuten Drill. Die Artenvielfalt der Welse schien endlos zu sein. Als kampfstarke Gegner zeigten sich auch die vielen Redtails und Jaus, welche hier außergewöhnlich groß wurden und beide über 60kg schwer werden können. Wir waren immer wieder fasziniert, wie breit die Schädel dieser Fische im Verhältnis zur Körperlänge waren. Unsere größten Redtails und Jaus waren sicherlich 35-45kg schwer und hatten reichlich Power für ihr Gewicht. Mit ihrer tollen Färbung waren die Redtails ganz klar die Schönheiten unter den Welsen, welche auch durch ihre grunzenden Geräusche – schon während des Drills Unterwasser hörbar – auf sich aufmerksam machten! Doch auch die Surubi-Welse waren willkommene Fotomodels. Weniger Glück hatten die zahlreich vorkommenden, kleinwüchsigen Leopardenwelse, welche wie Hühnchen schmeckten und daher öfters ein schmackhaftes Abendbrot abgaben.

Neben dem Angeln mit schwerem Welsgerät und Köderfischen bot das mittelschwere Spinnfischen ein weiteres, riesengroßes Betätigungsfeld. Unsere Wobbler, Popper und Blinker wurden regelmäßig von Peackocks, Piranhas, Payaras und Bicudas attackiert. Ein besonders urtümlicher Fisch war auch der Arowana, welcher darauf spezialisiert war, durch bis zu zwei Meter hohe Sprünge Insekten, Frösche und Echsen in der Ufervegetation über dem Wasser zu schnappen. Das war Anlass genug für Nils und Andi, sich gleich einen ganzen Tag mit Oberflächenködern diesen trickreichen Räubern zu widmen, und auch Denny hatte es diese Tier besonders angetan. Claudia war von den blau schimmernden Kurbis fasziniert, welche in tiefen Gumpen um 20m abends genau eine Stunde hörbare Geräusche von sich gaben und während ihres Konzertes nicht bissen. Ansonsten ließen sie sich vertikal mit Gummifischen zum Biss verleiten, doch die alles fressenden Piranhas und die langzähnigen Payaras machten in Kürze unsere Gummivorräte zunichte.

Wir waren immer wieder erstaunt darüber, durch welche Untiefen und Passagen mit leichtem Wildwasser unsere Guides mit ihren Booten jagten. Nicht dank modernster Bootstechnik, sondern einfach durch eine bemerkenswerte Kenntnis über ihren Fluss und ihr Boot. Wir waren schnell eine eingespielte Truppe und genossen es, unsere langen Angeltage vom Boot mit Nachtangeln von unserem schönen Sandstrand vor unserem Urwald-Camp ausklingen zu lassen.

Wir fingen täglich „Fotofische“, entdeckten Angelarten auf Spezies, von denen wir vorher noch nichts gewusst hatten und am Ende erwischte auch jeder seinen kapitalen Traumfisch. Insgesamt konnten wir neben den zwei großen Lau Laus fünf Arapaimas landen, ein weiterer großer ging leider im Drill verloren. Ganz zu schweigen von den kapitalen Redtails, den Lieblingen von Claudia und Denny. Wir erlebten eine Reizüberflutung an unterschiedlichsten Fischarten und eine grandiose Flusslandschaft mit unzähligen Nebenarmen, Altwassern, Seen, Felsverblockungen und Stromschnellen. Besten Dank an das Camp vom wilden Fluss für die gemeinsame Zeit im Dschungel! Selten haben wir ein so professionelles Team erlebt, und in Kombination mit unserem fast schon luxuriösen Dschungelcamp inklusive bester Kochkünste, Generator, Buschtoilette und Dusche mangelte es uns an wirklich nichts.

Für Marcel, Denny und Andi hieß es nun Abschied nehmen vom Urwald, während Claudia, Nils und ich nun zu einem weiteren Abenteuer aufbrachen – zu den Lau Laus von Suriname!

Statistik

Angler: Martin, Claudia, Nils, Marcel, Denny, Andi

Nach zehn Tagen Angeln mit sechs verrücken Anglern habe ich leider die Gesamtübersicht über alle Stückzahlen verloren, und nicht jedes Team hat immer fleißig gezählt oder gemessen. Dabei wurde ungefähr die Hälfte der Zeit mit der Spinnrute und die andere Hälfte mit Naturködern geangelt. Da ich nur gemessene Längen oder Gewichte angebe und nichts schätze, muss sich jeder die Fotos ansehen und kann selber beurteilen. Die größten Piraibas hatten dabei 2,17 und 2,07m. Die zwei gemessenen Arapaimas unserer 5 gefangenen Exemplare kamen auf 1,73 und 1,68m. Die Redtails bissen sehr zahlreich, die größten maßen 1,29, 1,28, 1,27, 1,24 und 1,24m. Die meisten Jaus waren um einen Meter lang, einige brachten es über 1,40m und der bulligste kam auf satte 1,46m. Die prächtigsten Peacocks brachten es auf 67, 63, 59 cm, und einige weitere in der 50cm+ Kategorie kamen noch dazu.

Insgesamt konnten wir folgende weitere Spezies gezielt mit Naturködern oder der Spinnrute fangen: Surubis, Leopardenwelse, Palmitowelse, Babardowelse, Payaras, Arowanas, Bicudas, Curbis, Sunfish, Stachelrochen und Piranhas. Dazu kamen noch einige Arten mehr, die wir beim Köderfischfang überlisteten: Pacco, Sip-Fish und Jurney.

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