Geschichten von unmöglichen Fischen

Taimen

August 2016 . Asien . Russland . Sibirien

Martin Sack

Fünf Meter unter uns stand ein Pärchen großer Taimen im klaren Wasser des kleinen Pools hinter einer Rausche. Vor uns legte sich die Wildnis Sibiriens in einen milden Orangeton. Der Sommer schien sich dem Ende zu neigen. Die ersten Flechten hatten begonnen sich zu verfärben, während die Nachmittagssonne des ruhigen Tages noch angenehm wärmte. Behutsam warf ich meinen Gummifisch ein gutes Stück stromauf, um ihn den beiden Salmoniden auf Sicht langsam zwei Meter vor der Schnauze vorbei zu zupfen. Die Fische zeigten absolut keine Reaktion: Weder Interesse, noch irgendeine Scheu. Beim zweiten Wurf ließ ich meinen Köder ganz knapp am Maul des ersten Fisches vorbei laufen. Als er fast vorüber war, drehte der Taimen ganz ruhig seinen Kopf, öffnete sein Maul und schnappte danach. Anhieb! Der hing tatsächlich! Aufgeregt stolperte ich die Felsen zum Bach hinab, mit Blick auf den tobenden Fisch im Wasser. Unten angelangt machte ich ein paar Schritte mit der Wathose ins Nass. Der Taimen versuchte stromab zu flüchten, doch mein Gerät war stark genug um ihn zu halten. Im Flachen begann er zu springen und sich wild zu drehen, bis er schließlich ruhig unter meiner Rute stand. Der war locker über 1,20m! Tom stand bereits neben mir, um mir bei der Landung zu helfen. Mein Blick schwenkte zum Maul meines Gegners, ich bemerkte den knapp sitzenden Haken. Und es kam, wie es kommen musste – der Taimen schüttelte sich erneut, den Haken aus seinem Maul und verschwand zwischen unseren Füßen. Verdammt, der Fisch hätte gereicht für ein Anglertraum!

Am gleichen Tag beobachteten wir noch zwei weitere Taimenpärchen. Dabei bewegten wir uns auf dem extrem flachen, von Steinen und Felsen verblockten Nebenflüsschen mit unserem Luftkissenboot voran. Ab und an mussten wir auch mal von Bord springen und helfen, um das Gefährt von einem Stein zu schieben. Abenteuer pur! Vor jedem Pool hielten wir in sicherer Entfernung an und suchten die Fische auf Sicht zu Fuß. Nun waren meine Mitstreiter an der Reihe, welche eine andere Taktik versuchten: Einer stand auf den Felsen und deutete auf den Standpunkt der Fische, während ein Zweiter sich von unten heran schlich und den Punkt mit Wobblern, Rattenimitaten und Spinnern anwarf. Leider gab es keine weiteren Attacken mehr, die Taimen ignorierten uns völlig. Wie es schien waren sie absolut nicht in Fresslaune und ich am Ende froh, einen dieser unmöglichen Fische wenigstens an den Haken bekommen zu haben.

Wir starteten die Tagestouren von zwei verschiedenen Zeltcamps aus, warfen vom driftenden Luftkissenboot oder befischten interessante Passagen intensiver vom Ufer aus. Dabei schlugen wir unsere Zelte im Bereich von interessanten Hotspots auf, um auch bis in die Nacht hinein mit der „Zweiwurftechnik“ weiter fischen zu können. Unsere Angeltage führten uns durch atemberaubende Natur, ständig wechselten sich Wälder, Schluchten, Berge und weit ausgedehnte Kiesbänke ab. Die Taimen schienen nur zwei Zustände zu kennen: Entweder völlig passiv oder im absoluten Fressrausch. Wir hatten zunächst vermutet, insbesondere nachts mehr aktive Fische im Flachwasser vorzufinden, doch eigentlich ließ sich am Ende keine eindeutige Regel ableiten. Suchen, werfen und daran glauben war angesagt. Das brachte täglich Bisse, die zum Teil dann sehr aggressiv waren. So fingen wir immer wieder größere Exemplare dieser schönen Fische, doch mit den richtig Kapitalen hatten wir Pech. Ein Großtaimen stürzte sich auf einen 25cm Wobbler im tosenden Wasser, schlug einmal mit dem Schädel und befreite sich vom Haken. Ein weiterer Traumfisch ging kurz vor der Landung verloren, als er das Vorfach (0,80er Hardmono!) an einem Stein durch rieb. Wir waren ein wenig verzweifelt – so oft so nah dran und dann doch wieder verloren. Besonders Tom war frustriert. Er hatte ganz am Anfang den kleinsten Fisch erwischt und danach fünf Tage keinen Biss mehr bekommen, trotz unermüdlichem Einsatz. So kurbelte er am letzten Tag etwas desillusioniert seine Rattenimitation an der Oberfläche vom driftenden Boot über den Fluss. Plötzlich tauchte ein großer Schatten neben der Bordwand auf und inhalierte die Ratte von der Oberfläche! Im klaren Wasser konnten wir schnell erkennen, dass nun auch Tom als letzter von uns seine besondere Chance bekommen sollte, und zum Glück konnte er sie erfolgreich nutzen. Wir bewunderten alle gemeinsam den wunderschönen Taimen von 1,18m. Er hatte es doch noch geschafft, einen dieser unmöglichen Fische zu überlisten!

Neben den Taimen hatten wir viele Äschen als Beifänge. Sie stürzten sich auf so ziemlich alles, was man ins Wasser warf. Mit kleinen Spinnern fing man am richtigen Spot Fisch auf Fisch, aber auch ansonsten hing immer mal wieder eines dieser „Plagegeister“ am Großwobbler, Gummifisch oder Rattenimitat. Unglaublich, wie aggressiv diese Äschen um 40cm waren! Für uns waren sie jedenfalls immer gute Mahlzeiten – zum Frühstück, Mittag und Abendbrot.

Unsere sechs Angeltage waren schnell vorüber, doch brachten uns einen guten Einblick in eine neue Angelei auf faszinierende Großsalmonieden. Ich bin gespannt, ob wir das nächste Mal das Unmögliche öfters möglich machen werden. Mit verbesserter Ausrüstung, mehr Erfahrung, mehr Angeltagen und natürlich dem gewissen Glück.

Statistik

Angler: 4

Angeltage: 6

Taimen: 13 (0.70-1.18m)

 

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