No river for old men

Stör

Juni-Juli 2016 . Nordamerika

Martin Sack

Zum ersten Mal in meinem Leben überkam mich das Gefühl, ich könnte einen Drill nicht bis zum Ende allein durchstehen. Die Rute von 2,10m und einer Aktion von 30-80lb war nun seit über einer Stunde fast durchgehend krumm, der Fisch am anderen Ende der Schnur musste um 200kg schwer sein. Egal wie fest man die Bremse zu machte, mit wie viel Kraft man sich gegen den Zug auch stemmte, der Stör zog dickköpfig seine Bahnen unter dem Boot und ließ sich keinen Zentimeter von seinem Kurs abhalten. Wir trieben weiter stromab und waren bemüht, alle Hindernisse zu umrunden. Um Kraft zu sammeln ging ich hin und wieder in die Hocke und legte die Rute auf der Reling ab. Sobald der wirklich ernst zu nehmende Gegner in höhere Wasserschichten schwamm oder sogar zum Sprung ansetzte, versuchte ich hingegen so viel Druck wie möglich auszuüben. Je mehr man den Fisch in Bewegung hielt, desto schneller ermüdete er. Der auffrischende Wind baute meterhohe Wellen auf und auch die Strömung war eindeutig auf der Seite des Giganten. Von andern größeren Fischen war ich gewohnt, sie nach einigen harten Fluchten halbwegs im Mittelwasser halten zu können. Bei Stören ab 2,70m sah das ganz anders aus, die konnten sich schon scheinbar ausgedrillt an der Wasseroberfläche zeigen und dann doch noch mal wieder zehn oder zwanzig Meter auf Tauchstation gehen. Ohne Drillgurt und Handschuhe gegen Blasenbildung hätte man schlechte Karten und wäre nach den ersten Fischen körperlich ruiniert. Der Fluss wurde immer ungemütlicher, doch mir blieb nichts anderes übrig als den zähen Wiederstand Stück für Stück zu brechen. Nach anderthalb Stunden bemerkte ich, dass mein Gegner kraftlos in der Strömung hing, aber immer noch durch sein Eigengewicht einen harten Zug auf die Rute ausübte. Mit aller Kraft pumpte ich den weißen Riesen an die Oberfläche. Das erschöpfte Tier drehte sich auf den Rücken und ich konnte ihn am großen Rüsselmaul fassen. Was für ein Monster! Zum Glück befand sich ein sandiger Uferabschnitt in der Nähe, wo wir mit dem Boot zwanzig Minuten später anlegen und den Stör stranden konnten. Das Messen ergab unglaubliche 2,85m, doch es sollte nicht der größte Fang unserer Tour sein. Nach der kurzen Fotosession schwamm der Urzeitriese gemächlich und majestätisch in sein Reich zurück.

Wir hatten uns ehrgeizige Ziele für diese Expedition gesteckt. Anders als bei meiner ersten Tour im Jahr 2012 wollten wir herausfinden, ob man zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, mit den passenden Ködern, einer anderen Angeltechnik und stärkerem Gerät gezielt auf kapitale Störe angeln konnte. Denn genau diese Giganten faszinierten uns, die als einzige Süßwasserfische dem Big Game Angeln auf dem Ozean ernsthafte Konkurrenz machten und in den Flüssen und Seen mit keiner andern Fischart vergleichbar waren. So starteten wir gespannt in ein neues Abenteuer, fernab vom Angeltourismus an unberührte Flusspassagen und mit vielen Ideen, wie man diese Angelei einmal von einer ganz anderen Seite erleben könnte.

Als wir am ersten Tag die Köder mit dem Boot an aussichtsreichen Spots abgesetzt hatten, fuhren wir zurück zu unserer Ankerboje. Keine fünf Minuten später bog sich die erste Rutenspitze. Nach dem harten Anschlag war ich mit einer brutalen Kampfkraft konfrontiert, die ich bisher noch nie erlebt hatte. Der erste Drill war nach einer Stunde beendet und hätte mit einem Fischmaß von 2,80m schon die ganze Reise lohnenswert gemacht. Doch es lauerte am gleichen Spot noch ein Urstör von 2,96m, welcher meinem Gast Frank reichlich einheizte. Bereits am ersten Tag erwischten wir sechs Störe über zwei Meter, und nach dem dritten Tag waren wir von Muskelkater und Rückenschmerzen geplagt. Unglaublich, wir fingen fast keine Störe unter zwei Meter und durchbrachen regelmäßig das Traum Maß von 2,70m! Alle Fische bis 2,40m waren nach kürzerem, harten Drill dann meist recht schnell am Boot, darüber hinaus mühte man sich eine halbe bis anderthalb Stunden ab. Manchmal wurde die Fresslust der Störe durch einen Wetterumschwung gebremst, doch über die Expedition hinweg zeigte sich die Angelei als absolut reproduzierbar und der Wahnsinn nahm seinen Lauf. Für mich gab es am letzten Angeltag nochmal ein denkwürdiges Finale, bei welchem ich hintereinander die beiden größten Fische meines Lebens überlisten konnte!

Nun fingen wir einen Traumfisch nach dem anderen, mussten aber verzweifelt feststellen, dass es gar nicht so einfach war von Fische dieser Dimension gute Bilder zu bekommen. Klar, wir wollten Uferbilder, aber wie landete man einen ausgedrillten Koloss über 2,70m? Die Ufer waren fast durchgehend durch schroff abfallende Felsklippen und gefährliche Untiefen gezeichnet, der nächste geeignete Platz meist mindestens drei Kilometer entfernt, mit Strömung und Wellen als zusätzliche Herausforderung. Der Versuch, das Vorfach zu fixieren und den Fisch nahe der Bordwand im Wasser hinterher zu ziehen, endete zwei Mal mit einem Vorfachabriss von 1,5mm und sogar 3mm Geflecht! Ein weiterer Stör ging verloren, als wir ihn mit der Rute und etwas Schnur hinter dem Boot her zogen. In Ufernähe tauchte dieser nochmal ab und die Schnur rieb an einem Fels auf. Glücklicherweise verwendeten wir Haken ohne Widerhaken. Wir mussten also sehr umsichtig sein und alle Hindernisse gut im Auge behalten. Bald bekamen wir ein Gefühl dafür, wann wir einen Stör sicher ans Ufer schleppen konnten, und wann wir uns mit den GoPro Bildern an der Bordwand begnügen mussten. So bekamen wir letztendlich unerwartet einige gute Aktionbilder. Beim Handling von Fischen dieser Größenordnung war äußerste Vorsicht geboten, eine Verwicklung in die Angelschnur und ein tosender Stör wären lebensgefährlich!

Bei all den Ereignissen war die Stimmung verständlicherweise durchweg äußerst ausgelassen, und zwischen all dem Gejammer über schwindende Kräfte schallten immer wieder lockere Sprüche über das Wasser. „Wenn du den Film veröffentlichst, mach ich dich auf Facebook fertig, und verklage dich noch dazu.“ „Ich freue mich schon wieder auf das Zanderangeln zuhause, und auf jeden Fisch der möglichst überhaupt nicht kämpft.“ „Ich wünsch dir beim nächsten Biss den 3,50er.“„Wenigstens muss ich jetzt Zuhause keine Angst mehr vor einem Drill haben.“ „Das Thema Störangeln ist in meinem Leben nun wirklich durch. Und dazu auch noch Angeln auf Heilbutt, Marlin und Thunfisch.“ „Ich kann wirklich nicht mehr, du musst mir helfen die Rute anzuheben!“

Am Ende blickten wir auf 52 Störe über 2m, 24 über 2,5m und 12 (!) über 2,70m zurück! Was für eine Tour! Was für ein Wahnsinn! Mehr fangen war körperlich nicht machbar! Ganz gewiss wird diese Tour die Messlatte weit in die Höhe schrauben, doch was soll´s, nächstes Jahr werden wir zurückkehren und die drei Meter Marke knacken!

PS: Niemand gab auf, jeder drillte seine Fische allein!

Statistik

Angler: 2

Angeltage: 10

Störe: 61

Störe über 2m: 52

Störe über 2.50m: 24

Statistik (Länge in m):

2.962.952.932.90 - 2.852.852.802.802.782.722.712.702.682.652.652.612.582.572.562.562.542.532.512.50 – 2.48 – 2.46 – 2.46 – 2.45 – 2.45 – 2.44 – 2.42 – 2.41 – 2.41 – 2.41 – 2.40 – 2.37 – 2.37 – 2.34 – 2.32 – 2.31 – 2.29 – 2.26 – 2.26 – 2.22 – 2.15 – 2.10 – 2.09 – 2.07 – 2.03 – 2.03 – 2.04 – 2.00 – ….

 

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